Taubheit

Das hier habe ich gesehen.

Wenn es euch langweilt, geht weiter.

Ich habe etwas herausgefunden: Wenn es leiser wird, reden manche Dinge in einer anderen Sprache.

Als wären sie den Worten entkommen.

Als könnten sie nun freier atmen – oder ich.

Wahrscheinlich reden alle Dinge – nur kann ich die meisten nicht hören.

Wenn ich hören sage, meine ich sehen.

Wenn ich sehen sage, meine ich riechen.

Und fühlen – und erinnern.

Alles was von außen nach innen kommt.

Ich laufe durch die Gegend – Stadt oder Land.

Ich nehme, wiege, werfe weg oder behalte.

Ein Windstoß kommt.

Ich nehme ihn und zerreibe ihn zwischen den Fingern, reibe mir das Zahnfleisch damit ein.

Ich mache das mit: Blatt, Haus, Wolke, Mond, Lied, Brust, Wald, Gefühl, Zeichen, Wert, Bedeutung, Schweiß, Atem, Gold, Sex, Gewinn, Weinen und Gericht.

Das ist eine tief sitzende Sucht.

Eine Taubheit.

Macht alles zunichte, wird zu Gold, wenn man es berührt.

Ich bin den Überdruss gründlich satt.

Beim Überdruss ist alles so laut, dass es still wird.

Und wenn es dann wirklich still ist, ist die Angst groß.

Wenn alles vor lauter Fressen und Kotzen immer leerer wird.

Dann kommt die Angst vor dem Verhungern.

Das ist ein guter Anfang.

Das Maul halten.

Wölfe füttern

Ein alter Tsalagi Krieger sitzt mit seiner Enkelin am Lagerfeuer und erzählt ihr folgende Geschichte:

„In jedem von uns findet ein Kampf statt zwischen zwei Wölfen.

Der eine Wolf kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit und Vertrauen.

Das kleine Mädchen schaut eine Zeitlang ins Feuer, dann fragt es:

„Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

Der Alte schweigt.
Nach einer ganzen Weile antwortet er:
„Der, den du fütterst.“

Quelle unbekannt

Axt

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

aus Franz Kafka, Briefe 1902- 1924, Fischer Verlag 1998, Seite 27 ff

Zen

Zen ist eine Kulturtechnik, die es ermöglicht, unabhängig von der Art der Religion oder kulturellen Zugehörigkeit, Erfahrungen des Absoluten zu machen. Diese Erfahrung mag dann ein jeder nehmen und in sein jeweiliges kulturelles Gefüge übertragen und sich einen Reim daraus machen. Besser noch: Man lässt es.

Gibt es Gott?

Wenn man mich fragen würde,  ob es Gott gibt, würde ich unumwunden sagen: ›Ja!‹ Warum? Weil es das Wort ›Gott‹ gibt. In der strukturalistischen Linguistik wird zwischen Signifikat und Signifikant unterschieden. Diese Begrifflichkeit geht auf den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure zurück. Saussure versteht Sprache als ein System von Zeichen. Die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (Signifikant, Lautbild, Zeichengestalt) und dem Bezeichneten (Signifikat) beruht auf menschlicher Konvention und Vereinbarung statt auf einer naturgegebenen Gesetzmäßigkeit.

Wenn es also den Signifikanten ›Gott‹ gibt, die Zeichengestalt, das Lautbild ›Gott‹, so gibt es auch das entsprechende Signifikat, also etwas, was dieser Begriff ›Gott‹ bezeichnet. Nun mag man einwenden, dass es nach dieser Argumentation auch den Osterhasen geben müsse oder den Weihnachtsmann. Und tatsächlich, ich glaube an die Existenz des Osterhasen!

Der Begriff ›Osterhase‹ ist wie auch der Begriff ›Gott‹ ein Signifikant, ein Bezeichnendes, bei dem sich nun die Frage stellt, was es bezeichnet, also die Frage nachdem Signifikaten des Begriffs. Die Frage, ob es den Osterhasen gibt oder nicht, lässt sich auf mindestens zweierlei Weise stellen:

1. Gibt es einen Hasen, der Eier anmalt, sie in einer Kiepe transportiert und für die Kinder im Garten versteckt?

Diese Frage muss man aller Wahrscheinlichkeit nach mit ›nein‹ beantworten.

2. Gibt es etwas, auf das der Begriff und das Bild des Osterhasen verweist?

Diese Frage kann man ohne weiteres mit ›ja‹ beantworten.

Der Hase gilt aufgrund seiner beachtlichen Fortpflanzungskraft als Symbol für die Promiskuität der wiederkehrenden Natur im Frühling nach den langen Monaten des Winters. Ebenso gilt das Ei in der christlichen Ikonographie als Symbol der Auferstehung Christi. Auf Ostereiern wurde früher immer wieder das sogenannte Dreihasenbild (Abb. 1) abgebildet, das drei Hasen zeigt, die zusammen nur drei Ohren haben. Die Ohren werden allerdings so dargestellt, das ein jedes Ohr doppelt verwendet wird und so doch alle drei Hasen zwei Ohren haben. Dieses Bild wurde früher in der Forschung als Symbol für die Dreieinigkeit Gottes gedeutet. Heute spricht hingegen vieles dafür, dass es sich eher um lunares oder solares handelt und / oder um eine Darstellung der zyklischen Bewegung des Mondes. Wie dem auch sei, nimmt man all diese Begriffe einmal zusammen: Hase, Frühling, Ei, Wiederkehr des Lichts, Auferstehung Jesu, Fruchtbarkeit, Mondphasen, etc. so erscheint ein assoziatives Begriffsfeld, das jahreszeitliche Gegebenheiten, deren Bedeutung für den Menschen, unterschiedliche Beobachtungen in Bezug darauf und diverse kulturelle Verknüpfungen in sich vereint. Und damit finden wir ein mögliches Signifikat des Signifikanten ›Osterhase‹. Die Frage, ob es den Osterhasen gibt oder nicht, lässt sich also in sofern mit ›ja‹ beantworten, indem man sagt, es gibt einen Erfahrungskomplex innerhalb des Menschseins, der zu einer bestimmten Jahreszeit in einem bestimmten Kontext in der Figur des Osterhasen seinen Ausdruck findet.

Dreihasenfenster
Abb. 1: Das Dreihasenfenster im Paderborner Dom

Ich möchte noch einen Augenblick zu der ersten Form der Fragestellung nach der Existenz des Osterhasen zurückkehren. Gibt es den Osterhasen wirklich? Gibt es einen Hasen, der Eier anmalt und für die Kinder im Garten versteckt? Ich würde sagen: ja, es gibt ihn, und er besitzt auch bis zu einem gewissen Grade Wirklichkeit. Es gibt ihn, weil im kulturellen Bewusstsein einer Gruppe von Menschen dieses Bild aufgetaucht ist, es besitzt Wirklichkeit in dem Maße, in dem es in der Lage ist, etwas zu bewirken. Ich löse mich hier also etwas von der Auffassung, nach der Wirklichkeit die Phantasie oder den Traum zum Gegensatz hat. Das aus dem kollektiven Bewusstsein des mittelalterlichen Menschen hervorgegangene Bild des Osterhasen gehört der Sphäre des Märchenhaften und Symbolischen an, der eine gewisse psychologische Wirksamkeit zukommt und die so zu unserer Wirklichkeit gehört.

Was für den Osterhasen gilt, sollte mindestens ebenso auch für ›Gott‹ gelten, so dass man also folgende Fragen formulieren kann:

1. Gibt es ein Erfahrungs- und Begriffsfeld, also ein Signifikat, auf das der Signifikant ›Gott‹ referiert?

2. Was ist es, das durch die Bezeichnung ›Gott‹ bezeichnet wird?

3. Offensichtlich kommt dem, was hinter dem Begriff ›Gott‹ steckt, eine gewisse kulturelle, soziale und psychologische Wirksamkeit zu und so auch eine gewisse Wirklichkeit. Kann man von diesen Wirkungen möglicherweise auf die Beschaffenheit der Ursache dieser Wirkungen schließen?

Ich möchte diese Fragen hier nicht beantworten, kann es auch gar nicht, da dies dien Rahmen dieses kleinen Ausfluges bei weiten sprechen würde.

Kurz, wahrlich, ist dieses Leben!

Aus zwei Gründen ist das Leben ,kurz‘ (zu nennen): wegen der Begrenztheit seiner Dauer und wegen der Begrenztheit seiner Grundbeschaffenheit.

Inwiefern ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Dauer?

  • Im vergangenen Bewußtseins-Moment hatte man gelebt, aber lebt jetzt nicht mehr in ihm und wird in ihm nicht mehr leben.
  • Im zukünftigen Bewußtseins-Moment wird man leben, lebt aber jetzt nicht in ihm und hat nicht in ihm gelebt.
  • Im gegenwärtigen Bewußtseins-Moment lebt man jetzt, hat aber in ihm noch nicht gelebt und wird in ihm nicht mehr leben.

Leben und Ichform, jedes Glücke und Leid,
In einem Geistmoment nur sind sie da;
Gar schnell geht der Moment dahin.

Auch jene Götter, deren Leben dauert
Gar vierundachtzig tausend Kalpen,
Selbst sie erleben nicht einmal,
Die Einigung von zwei Momenten.

Die Daseinsgruppen, welche schwinden
Im Tod und während dieses Lebens,
Darin sind alle diese Gruppen gleich:
Dahingegangen sind sie ohne Wiederkehr.

Die eben jetzt Zerfall ereilt hat
Und die in ferner Zukunft schwinden,
Im Augenblick nach ihrem Hingang
Kein Unterschied besteht dann mehr.

Nicht wird aus Unentstandenem man geboren;
Es ist die Gegenwart, in der man lebt.
Zerbricht Bewußtsein, dann stirbt auch die Welt;
Im höchsten Sinne stellt es so sich dar.

Wie ihr Gefälle, sich in Willens-Richtung senkend,
So ist der Ablauf jener Geistmomente.
In ungebrochener Folge gehen sie dahin,
Bedingt vom sechsfachen Gebiet der Sinne.

Unaufgespeichert lösen sie sich auf
Und bilden keine Häufung in der Zukunft auch.
Entstanden, dauern sie nicht länger,
Als sich ein Senfkorn hält auf Pfeiles Spitze.

Den Dingen allen steht Zerfall bevor,
Die zum Entstehen sind gelangt.
Zerfall-geweihte Dinge sind es, die bestehen;
Mit früheren sind sie unvermischt.

Aus Ungesehenem kommen sie hervor,
Ins Ungesehene gehen sie zerbrechend.
Gleichwie der Blitz am Himmel zuckt,
Entstehen und vergehen die Dinge.

In diesem Sinne ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Dauer.

Wie nun ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Grundbeschaffenheit?

  • An Einatmung gebunden ist das Leben, an Ausatmung ist es gebunden, an Ein- und Ausatmung.
  • An die vier Elemente, an Wärme, an stoffliche Nahrung und an Bewußtsein gebunden ist das Leben.
  • Deren (dieser Lebens-Bedingungen?) Wurzel ist schwach; ihre früheren Ursachen (pubba-hetu) sind schwach; auch die (anderen) Bedingungen (paccaya) sind schwach ebenso sind es die erzeugenden (Bedingungen; pabhavikā, die mit ihnen zusammen bestehenden (sahabhú), die mit ihnen eng verbundenen (sampayuttā), die mit ihnen zusammen entstandenen (sahajā), die mit ihnen ver­knüpften (payojikā).
  • Als gegenseitig (bedingt; aññamaññam) sind sie stets schwach; als gegenseitig (bedingt) sind sie unbeständig; gegenseitig bringen sie einander zu Fall.
  • Wahrlich, für gegenseitig (Bedingtes) gibt es keinen Beschützer (außerhalb; aññamaññnassa hi natthi tāyitā); und auch gegenseitig können sie sich nicht helfen.
  • Ein Schöpfer ist nicht zu finden; und nicht schwindet man dahin durch irgend jemandes (Macht).
  • Sie (die Lebens-Vorgänge?) sind wahrlich ganz und gar hinfällig. Durch frühere (Vorgänge) sind sie erzeugt; die aber ihre Erzeuger waren, sind schon vorher gestorben. Nicht haben sich die früheren und die späteren einander jemals gesehen.In diesem Sinne ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Grund­beschaffenheit.

Quelle