Wölfe füttern

Ein alter Tsalagi Krieger sitzt mit seiner Enkelin am Lagerfeuer und erzählt ihr folgende Geschichte:

„In jedem von uns findet ein Kampf statt zwischen zwei Wölfen.

Der eine Wolf kämpft mit Neid, Eifersucht, Gier, Arroganz, Selbstmitleid, Lügen, Überheblichkeit, Egoismus und Missgunst.
Der andere Wolf kämpft mit Liebe, Freude, Frieden, Hoffnung, Gelassenheit, Güte, Mitgefühl, Großzügigkeit, Dankbarkeit und Vertrauen.

Das kleine Mädchen schaut eine Zeitlang ins Feuer, dann fragt es:

„Und welcher der beiden Wölfe gewinnt?“

Der Alte schweigt.
Nach einer ganzen Weile antwortet er:
„Der, den du fütterst.“

Quelle unbekannt

Axt

Ich glaube, man sollte überhaupt nur solche Bücher lesen, die einen beißen und stechen. Wenn das Buch, das wir lesen, uns nicht mit einem Faustschlag auf den Schädel weckt, wozu lesen wir dann das Buch? Damit es uns glücklich macht, wie Du schreibst? Mein Gott, glücklich wären wir eben auch, wenn wir keine Bücher hätten, und solche Bücher, die uns glücklich machen, könnten wir zur Not selber schreiben. Wir brauchen aber die Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück, das uns sehr schmerzt, wie der Tod eines, den wir lieber hatten als uns, wie wenn wir in Wälder vorstoßen würden, von allen Menschen weg, wie ein Selbstmord, ein Buch muß die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.

aus Franz Kafka, Briefe 1902- 1924, Fischer Verlag 1998, Seite 27 ff

Kurz, wahrlich, ist dieses Leben!

Aus zwei Gründen ist das Leben ,kurz‘ (zu nennen): wegen der Begrenztheit seiner Dauer und wegen der Begrenztheit seiner Grundbeschaffenheit.

Inwiefern ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Dauer?

  • Im vergangenen Bewußtseins-Moment hatte man gelebt, aber lebt jetzt nicht mehr in ihm und wird in ihm nicht mehr leben.
  • Im zukünftigen Bewußtseins-Moment wird man leben, lebt aber jetzt nicht in ihm und hat nicht in ihm gelebt.
  • Im gegenwärtigen Bewußtseins-Moment lebt man jetzt, hat aber in ihm noch nicht gelebt und wird in ihm nicht mehr leben.

Leben und Ichform, jedes Glücke und Leid,
In einem Geistmoment nur sind sie da;
Gar schnell geht der Moment dahin.

Auch jene Götter, deren Leben dauert
Gar vierundachtzig tausend Kalpen,
Selbst sie erleben nicht einmal,
Die Einigung von zwei Momenten.

Die Daseinsgruppen, welche schwinden
Im Tod und während dieses Lebens,
Darin sind alle diese Gruppen gleich:
Dahingegangen sind sie ohne Wiederkehr.

Die eben jetzt Zerfall ereilt hat
Und die in ferner Zukunft schwinden,
Im Augenblick nach ihrem Hingang
Kein Unterschied besteht dann mehr.

Nicht wird aus Unentstandenem man geboren;
Es ist die Gegenwart, in der man lebt.
Zerbricht Bewußtsein, dann stirbt auch die Welt;
Im höchsten Sinne stellt es so sich dar.

Wie ihr Gefälle, sich in Willens-Richtung senkend,
So ist der Ablauf jener Geistmomente.
In ungebrochener Folge gehen sie dahin,
Bedingt vom sechsfachen Gebiet der Sinne.

Unaufgespeichert lösen sie sich auf
Und bilden keine Häufung in der Zukunft auch.
Entstanden, dauern sie nicht länger,
Als sich ein Senfkorn hält auf Pfeiles Spitze.

Den Dingen allen steht Zerfall bevor,
Die zum Entstehen sind gelangt.
Zerfall-geweihte Dinge sind es, die bestehen;
Mit früheren sind sie unvermischt.

Aus Ungesehenem kommen sie hervor,
Ins Ungesehene gehen sie zerbrechend.
Gleichwie der Blitz am Himmel zuckt,
Entstehen und vergehen die Dinge.

In diesem Sinne ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Dauer.

Wie nun ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Grundbeschaffenheit?

  • An Einatmung gebunden ist das Leben, an Ausatmung ist es gebunden, an Ein- und Ausatmung.
  • An die vier Elemente, an Wärme, an stoffliche Nahrung und an Bewußtsein gebunden ist das Leben.
  • Deren (dieser Lebens-Bedingungen?) Wurzel ist schwach; ihre früheren Ursachen (pubba-hetu) sind schwach; auch die (anderen) Bedingungen (paccaya) sind schwach ebenso sind es die erzeugenden (Bedingungen; pabhavikā, die mit ihnen zusammen bestehenden (sahabhú), die mit ihnen eng verbundenen (sampayuttā), die mit ihnen zusammen entstandenen (sahajā), die mit ihnen ver­knüpften (payojikā).
  • Als gegenseitig (bedingt; aññamaññam) sind sie stets schwach; als gegenseitig (bedingt) sind sie unbeständig; gegenseitig bringen sie einander zu Fall.
  • Wahrlich, für gegenseitig (Bedingtes) gibt es keinen Beschützer (außerhalb; aññamaññnassa hi natthi tāyitā); und auch gegenseitig können sie sich nicht helfen.
  • Ein Schöpfer ist nicht zu finden; und nicht schwindet man dahin durch irgend jemandes (Macht).
  • Sie (die Lebens-Vorgänge?) sind wahrlich ganz und gar hinfällig. Durch frühere (Vorgänge) sind sie erzeugt; die aber ihre Erzeuger waren, sind schon vorher gestorben. Nicht haben sich die früheren und die späteren einander jemals gesehen.In diesem Sinne ist das Leben kurz wegen der Begrenztheit seiner Grund­beschaffenheit.

Quelle

Blut mit Blut abwaschen

 EIN LAIE: So oft ich einen Gedanken aus meinem Geist verbanne, erscheint sofort ein neuer. Und so erscheinen ohne Ende immer weitere Gedanken. Wie soll ich mit ihnen umgehen?

BANKAI: Gedanken, die sich einstellen, aus dem Geist zu verbannen, ist wie das Abwaschen von Blut mit Blut. Vielleicht gelingt es Dir das ursprüngliche Blut fortzuspülen, doch dann bist Du immer noch besudelt mit dem Blut, das Du zum Waschen benutztest. Und Du magst weiter waschen, so lange Du willst, die Blutflecken werden nie verschwinden. Da Du nicht weißt, dass Dein Geist ursprünglich ungeboren und unsterblich und ohne Verblendung ist, glaubst Du, die Gedanken besäßen Wirklichkeit, und so bleibst Du an Geburt und Tod im Lebensrad gebunden. Du musst Dir klar machen, dass Deine Gedanken flüchtig und unwirklich sind. Ohne an ihnen zu haften und ohne sie von Dir zu weisen, lass sie einfach von selbst kommen und gehen. Sie sind wie Spiegelbilder. Ein Spiegel ist strahlend klar und spiegelt alles, was vor ihm erscheint. Doch das Bild bleibt nicht im Spiegel. Der Buddha-Geist ist zehntausend mal klarer als jeder Spiegel und überdies wunderbar erleuchtend. Alle Gedanken verschwinden spurlos in sein Licht.

Quelle: Die Zen-Lehre vom Ungeborenen / Leben und Lehre des großen japanischen Zen-Meisters Bankei Eitaku (1622-1693) /Otto Wilhelm Barth Verlag, 1984, S.128

Reine Erfahrung

Ich las in der Früh eine schöne Passage zum Thema der reinen Erfahrung bei Nishida Kitaro:

Zitat

Der Gedanke der reinen Erfahrung lässt keine unabhängigen und selbstbestimmten Tatsachen außerhalb des Bewusstseins zu.  In der Tat verhält es sich so, wie Berkeley gesagt hat: esse percipi (Sein ist Wahrgenommenwerden). Unsere Welt ist nur aus Tatsachen der Bewusstseinsphänomene zusammengesetzt. Die Philosophien und Wissenschaften bemühen sich um deren Deutung.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Begriff Bewusstseinsphänomene könnte dazu verleiten anzunehmen, dass nur ein von der Materie unabhängiger Geist existiere. In dem von mir gemeinten Sinn kann man die wahre Realität sowohl Bewusstseinsphänomen als auch materielles Phänomen nennen. Auch Berkeleys esse percipi stimmt nicht mit dem Gemeinten überein. Die unmittelbare Realität ist nichts Passives, sie ist eine unabhängige, selbstbestimmte Tätigkeit. Daher wäre es treffender zu sagen: esse est agere (Sein ist handeln)

Über das Gute, eine Philosophie der reinen Erfahrung, S. 78/79

Dinge 2

„Im unmittelbaren Erleben fällt Bewusstseinsinhalt und materieller Gegenstand zusammen. Es ist unmöglich und unnötig, zwischen beiden zu trennen.“

Bertrand Russell

Diesen Satz muss man sich mal lange auf der Zunge zergehen lassen.

Vielleicht noch etwas genauer und vom selben Autor:

Sowohl die Materialisten als auch die Idealisten haben sich, unbewusst und ungeachtet ausdrücklicher Ableugnungen, mit ihrem Vorstellungsbild von der Materie einer Verwechslung schuldig gemacht. Sie dachten, dass ihre Wahrnehmungsinhalte, wenn sie sehen oder tasten, die Materie der Außenwelt darstellt, während doch in Wirklichkeit diese Wahrnehmungsinhalte Bestandteile der Materie des wahrnehmenden Gehirns sind. Man kann aus der Untersuchung unserer Wahrnehmungsinhalte – so habe ich behauptet – auf gewisse formale, mathematische Eigenschaften der äußeren Materie schließen; dieser Schluss ist ist allerdings weder streng noch sicher. Andererseits erhalten wir aber durch die Untersuchung unserer Wahrnehmungsinhalte ein Wissen über die Materie unserer Gehirne, das nicht rein formal ist. Freilich ist dieses Wissen Stückwerk; aber soweit es reicht, hat es Vorzüge, die diejenigen des physikalischen Wissens übertreffen. (…) Die Wahrnehmungsinhalte sind die einzigen Bestandteile der physischen Welt, die wir anders als in abstrakter Weise kennen. Was die Welt im allgemeinen betrifft, sowohl die physische als geistige, so ist alles, was wir von ihrer innerlichen Beschaffenheit wissen, von der psychischen Seite abgeleitet, und fast alles, was wir über ihre Kausalgesetze wissen, von der physischen Seite. Aber, vom philosophischen Standpunkt betrachtet ist die Unterscheidung zwischen Physischem und Psychischem eine oberflächliche und irreale.