Wald und Wind

Heute morgen saß ich im Wald und hörte dem Wind zu. Es geht gerade ein wunderschöner leichter Wind hier, gesättigt mit Kühle und Feuchtigkeit, die den Kopf ganz klar und ruhig machen. Die Blätter bewegen sich schnell und leicht. Das Geräusch, das entsteht, ist ein sanftes und zugleich kräftiges Rauschen und Flüstern. Dieses Rauschen ist wahrscheinlich schon seit Jahrmillionen in die kollektive Erinnerung der Menschen eingegraben, wie der Blick ins Lagerfeuer, oder vielleicht sogar seit noch viel längerer Zeit. Jedenfalls reicht das Gefühl, das das Rauchen des Windes erzeugt, sehr tief hinab, dorthin, wo Sprache lange schon keine Kraft der Definition mehr findet. Am Anfang war das Wort? Das Rauschen des Windes reicht hinab zu einem ganz anderen Anfang, zu den Wurzeln, zu dem Grund und der Tiefe in der alles Zeitliche immer unschärfer und schließlich nicht lineares, ewiges Werden und Vergehen wird.

Motorenlärm, Bohrmaschinen, Flugzeuge und das undefinierbare Grundtönen von vielen Menschen vermischte sich immer wieder mit den Windgeräuschen. Es gibt immer weniger Orte auf der Welt, an denen die Anwesenheit der Menschen nicht allgegenwärtig wäre. Die Erde wird – zumindest gefühlt – immer kleiner. Zu meinem Bedauern gibt es auch keine weißen Flecken mehr auf der Landkarte. Für die Phantasie waren diese weißen Bereiche wie leere Gefäße, in denen Träumen und Sehnen Ort und Form gefunden haben.

Der Lärm der Menschen ist zwar laut, reicht aber nicht so weit hinab, bleibt an der Oberfläche, trübt das Wasser, so dass der Blick in die Tiefe schwieriger geworden ist. Dabei ist der Kontakt zu dieser Tiefe wichtiger denn je. Die Wurzeln des kollektiven Unbewussten der Menschen sind mit der Totalität dieser Welt, mit den Tieren und Pflanzen, mit den Bergen, Wüsten, Meeren und Wäldern, mit den Gärten, Feldern und der Erde verbunden. Alles Sein und Tun und Werden speist sich daraus. Geht diese Verbindung verloren, oder wird sie verdeckt und verborgen unter den zerstörerischen Früchten der Zivilisationen, führt das zu einer Unersättlichkeit bei gleichzeitiger Stumpfheit und Dummheit, die für kommende Generationen viel Elend und Leid bedeuten kann und wahrscheinlich auch bedeuten wird.

Vor mir auf dem Waldboden lag ein Stück Sandstein. Etwas Tröstliches ging von diesem Stein aus. Als er entstanden ist, gab es noch keine Menschen. Und irgendwann wird es wohl auch keine Menschen mehr geben. Gut so, dachte ich, dieses Menschsein ist ein Fehler. Gut wenn sie wieder von der Erde verschwinden! Im Menschen wird aus Strahlung Licht, Form und Farbe, wird aus Wahrnehmung Erkenntnis. Das „Samsara“, dachte ich, ist des schmerz- und glückhafte Bewusstwerdungsprozess des Geistes seiner selbst. Man könnte sagen: Die Materie spiegelt sich selbst in dem, was man Leben nennt. Oder: In der Materie findet der Geist seine Form. Mit der Evolution sucht der Geist immer neue Fragen und Antworten auf das Vorhandene bis zu Freiheit und Verantwortung: Pflanzen, Tiere, Menschen.

Mir fiel eine eine alte vedische Metapher ein, die ich vor einiger Zeil mal gelesen hatte:

In den Steinen schläft Brahman.
In den Pflanzen atmet Brahman.
In den Tieren träumt Brahman.
In den Menschen erwacht Brahman.

Den Menschen macht aber nicht nur das Erwachen zu Bewusstsein und Erkenntnis aus. Das ist nur die Oberfläche. Es ist dort auch immer noch das Träumen der Tiere, das Atmen der Pflanzen, und das Schlafen der Steine zu finden, tief innen noch jenseits der Träume und doch alles durchdringend. Das ist diese tiefe Verbindung, die im Klang des Windes zu hören ist, im Geruch der feuchten Walderde, in den Rufen der Vögel, in den geschmeidigen Bewegungen einer Katze oder in der Form der Pflanzen oder der Wolkenberge am Himmel. Menschen sind mit dieser Welt zutiefst verbunden. All mein Denken, Wollen und Tun findet nur an der Oberfläche des Ozeans statt. Besser in Stille hinsetzen, bis das Wasser wieder klar wird!

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