Welches Leben

Welches Leben würde man leben, würde man sich selbst nicht über Bücher, Filme und Träume das Leben suggerieren, für das zu wenig Platz oder Kraft oder Geld oder Mut zu sein scheint? Kinofilme, Computerspiele, Pornoportale. Hier träumt das kollektive Unbewusste seine Träume. Die Gewalt in diesen Träumen nimmt zu. Die Bilder und Gefühle, die einmal vielleicht die Kraft von Wirklichkeit hatten, sind bis zur völligen Redundanz millionenfach kopiert, banalisiert, offengelegt und entleert. Eine jede Öffnung, eine jede Falte, jede Wölbung, ein jedes Sekret des Körpers findet millionenfache Inszenierung. Es gibt im Sex nichts mehr, das nicht „befreit“ wäre. Auch noch in die letzte Verborgenheit, die früher eine errötende Schamhaftigkeit vor der Entwertung behütete, fällt das Licht der Kameras. In Filmen werden virtuell ganze Städte, Menschenmassen, Planeten dahingerafft. In der Zombie-Apokalypse findet die massenhafte Hinrichtung der Hungrigen, der Perspektivlosen und Triebgesteuerten ihre lustvolle Rechtfertigung. Es prasseln so viele Bildwechsel pro Sekunde auf das Auge, dass es beinahe schon an das Rauschen zufälliger Informationen heranreicht. Superhelden feiern ein comeback in immer aufwendigeren Inszenierungen, die das jährliche Bruttosozialprodukt ganzer Staaten verschlingen. Es wird viel, beinahe ausschließlich, geträumt in den Nationen der ersten Welt. Aber die Träume bringen keine Erleichterung mehr. Die Sinnesportale sind weit offen, ihre physiologischen und psychologischen Funktionsweisen sind allumfassend verfügbar, und ein jedes Sinnesportal dient den unterschiedlichsten markwirtschaftlichen Interessen als Schleuse, um manipulative Botschaften zu platzieren. Und weil ein jeder den anderen zu manipulieren versucht, um dem „zu viel“ noch ein „mehr“ hinzuzufügen, verschütten sinnentleerte Botschaften gleich Kaskaden aus Unrat und Fäkalien das Wesen, was einmal die blanke, morgendliche Schönheit der Welt voller Neugierde aufgesogen hat. Taubheit, Trägheit, Blindheit, Stumpfheit sind die Konsequenzen. Welches Leben soll man sich erträumen, wenn ein jeder Traum schon das Gift seiner massenhaften Vermarktung in sich trägt, wenn einem jeden Gefühl der schale Geruch des tausendfach ausgeschöpften Klischees anhaftet? Gäbe es mentale Bulimie: Ich würde mit Max Liebermann sagen: Ich kann nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte.  Der Buddhismus, wie er sich immer öfter darstellt, ist auch in vielen seiner Facetten ein solcher Traum, in Klischees erschöpft sich immer wieder seine Wirkung.