Demokratie und Buddhismus

Es gibt zur Zeit bei vielen Menschen eine große Affinität zum Buddhismus. Allerdings nur zu solch einem Buddhismus, der von metaphysischen Vorstellungen und Asketentum weitgehend befreit ist und dem Konsumenten, der eher nach Entspannung denn nach Erkenntnis verlangt, nicht über Gebühr beansprucht. Hier wird deutlich: Es gibt einen Punkt, an dem Aufklärung, Selbstbstimmung, Individualismus und rationales Denken, Wirklichkeit beginnt zu verbergen und nicht länger sichtbar zu machen.

Buddhismus von allen kulturellen Ausprägungen zu „reinigen“, um die ursprüngliche Lehre des Begründers Siddhartha Gotama „freizulegen“,  ist ähnlich sinnvoll wie die Physik auf Archimedes zurückführen zu wollen, und damit alles, was auf Archimedes folgte, als nicht der eigentlichen Physik zugehörig zu deuten. Der historische Buddha ist der Begründer einer Idee. Nach ihm kommen viele, die diese Idee ausgearbeitet haben. Die Psychologie, um ein Beispiel zu nennen, endet ja auch nicht mit Sigmund Freud (Und beginnt auch nicht dort). Die Geschichte des Rades endet nicht in dessen anonymen Erfinder. Der Buddhismus ist ein Feld von Entwicklungen, Bedeutungen, Deutungen, Metaphern, Betrachtungen, Philosophien, ein Feld, das längst nicht abgesteckt oder beendet ist. Sein Kern ist nicht die Lehre einer bestimmten historischen Figur sondern eine Phänomenologie, die nach wie vor Gültigkeit hat, und die ihre Tiefe, Vielschichtigkeit und praktische Vielfalt allen zu verdanken hat, die im Bereich „Erwachen  durch Erkenntnis der Leerheit“ geforscht haben. Beim Buddhismus geht es im Kern um den Weg, wie man zu einem Buddha, zu einem Erwachten werden kann. Viele Menschen vieler Kulturen und Zeiten haben unterschiedliche Wege aufgezeigt, wie man sich diesem Ziel nähern kann. Den Buddhismus auf die Lehre des historischen Buddha beschränken, hieße 2500 Jahre Forschung als ungültig oder unnötig zu deklarieren.

Der Buddhismus kann keinem demokratischen Prozess untergeordnet werden. Das geht ebenso wenig, wie man eine Naturwissenschaft demokratischen Prinzipien unterstellen kann. Warum? Weil es bei der Wissenschaft wie auch beim Buddhismus um Erkenntnis von der Beschaffenheit der Wirklichkeit geht, und die ist nun einmal nicht wählbar sondern nur zu erforschen. Alle Menschen, die sich der Erforschung des Feldes der Wirklichkeit gewidmet haben, haben Anteil an dem Gebäude des Wissens, das uns heute zur Verfügung steht. Mit Demokratie hat das nichts zu tun. Käme nun heute einer auf die Idee, Erkenntnis durch Wahl statt durch Forschung zu verifizieren, hätte unser Wissen um die Welt bald ein Ende. Das liegt daran, dass die Entscheidungsträger in der Demokratie, also die Wähler, keine Experten sind. Würde also das Wirklichkeit werden, was dem Mann auf der Strasse Wirklichkeit ist, so würden unser Bild der Welt sehr schnell sehr schlicht und holzschnittartig werden.

Eine Säkularisierung des Buddhismus von „unten“ nach „oben“ würde zu einem ähnlichen Ergebnis führen, denn die Masse der Menschen ist nun einmal auf dem Weg zum Erwachen wenig oder gar nicht fortgeschritten. Gäben nun solche den Ton an, geriete schnell in Vergessenheit, was das überhaupt ist: Erwachen. Im Buddhismus – wie in jeder Wissenschaft – braucht es Expertentum und Kompetenz nicht Demokratie.

Wenn jemand das wissenschaftliche Weltbild verändern kann, so sind es Experten nicht Parteien. Im Buddhismus ist es ebenso. Es ist eben nicht jeder ein kreativer Bodhisattva, ebenso wenig wie jeder Mensch ein Künstler ist. Es gehört bedeutend mehr dazu, ein Bodhisattva zu sein, als ein bisschen Facebook und Hingabe.

Es ist nur der ein Experte auf seinem Fachgebiet, der es komplett durchdrungen und sich so Kompetenz erworben hat. Auf den Buddhismus übertragen ist das vielleicht jemand, der den Pfad des Sehens beschritten hat, denn nur die unmittelbare Erfahrung der Leerheit befähigt einen Menschen eben diese Erfahrung angemessen an andere weiterzugeben. Um diese Erfahrung dreht sich die ganze Buddhistische Forschung der letzten 2500 Jahre. Diese Erfahrung ist allerdings kein Massenphänomen, wie wir alle wissen, weshalb auch einmal weniger Buddhismus einem demokratischen Prozess unterworfen werden kann.

Ein Buddhismus, den jeder versteht, der aller unverständlichen, mysteriösen oder mystischen Beschreibungen beraubt ist, der also bei dem Mann oder der Frau von der Straße nicht zu Unverständnis führt, ist aller Erkenntnisse beraubt, die über das Erkenntnisvermögen des Normalbürgers hinausgehen. Und damit all dessen, was das Zentrale und Wesentliche ist: Die Beschreibung der Leerheit und der Wege, die dorthin führen können. Übrig bleibt eine lebenspraktische Ethik inkl. konzentrationsförderndem Entspannungstraining, aber kein Buddhismus, keine Lehre vom Erwachen.

Säkularisation ist kein Prozess, der unhinterfragt der Unterstützung wert ist, weil er die Möglichkeit der Erkenntnis dort begrenzt, wo sie für den Normalbürger beginnt, undenkbar zu erscheinen. Der buddhistische Erkenntnisprozess erweitert aber den Raum des Denkbaren, so dass Möglichkeiten der Erkenntnis aufscheinen, die Anfangs nicht denkbar waren. Das ist in jeder Religion so. Darum ist der Bereich des Religiösen heute wichtiger denn je, weil er die Menschen unbegrenzte Erkenntnisräume lehrt. Säkularisation ist in dieser Hinsicht dem reinen Materialismus in den Naturwissenschaften ähnlich. Man findet nur das vor, was man ohnehin schon kennt. Und das ist eindeutig viel zu wenig.

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