Im Wald

Immer wieder während der Meditation denke ich an die und kühlen, hohen Räume von gotischen Kathedralen. Kathedralen haben sicher nicht grundlos die Erscheinung großer, alter Wälder. Die schlanken Säulen schnellen mit beinahe fiebernd Bewegung in die Höhe, verlieren sich aber weit oben im ernsten Dämmerlicht der Deckengewölbe.  Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch hat es mich immer wieder an diese Orte gezogen – bis heute. Es riecht nach erkaltetem Weihrauch, feuchtem Stein und dem Holz von alten Kirchenbänken. Im Frühjahr, wenn der Sturm tiefe Klänge vibrierend zwischen die Säulen hindurch treibt, und an den nur angelehnten Kirchentüren rüttelt, malt das immer wieder zwischen den schnell ziehenden Wolken hervorbrechende noch kalte Licht der Sonne die farbig glühenden Muster der Fenster auf die staubigen Bodenplatten und altersdunklen Mosaiken. Der Lärm der Stadt klingt dumpf und fern, als erinnere man sich seiner nur undeutlich. Die Kirchen meiner Vorstellung sind fast immer leer. Die wenigen Geräusche erzeugen eine Stille die weit leiser sein kann als die reine Abwesenheit von Tönen, manchmal aber auch laut, beinahe dröhnend wie massives Schweigen. Vielleicht sammelt ein alter Küster schlurfenden Schrittes die abgebrannten Opferkerzen von den Altären in den Seitenschiffen und leert das wenige Geld aus dem Opferstock. Kurz fließt mit seiner Anwesenheit die Zeit wieder in gewohnheitsmäßiger Geschwindigkeit. Das, was einmal den Namen Gott hatte, scheint zwischen diesen Mauern langsam zu einer diffusen Ahnung zu erkalten, und damit alle Kraft, die einmal mit diesem Namen in Verbindung stand. Es ist eine namenlose Ahnung geworden, welche die Benennbarkeit selbst durch Leugnung verloren hat. Dennoch habe ich hier zum ersten Mal in meinem Leben das völlige Verstummen meiner Gedanken zu Gunsten einer beinahe gewaltsamen Gegenwart dessen erlebt, was sich leicht wie Licht und zugleich mit der lawinenartigen Schwere endgültiger Zwangsläufigkeit von Jetzt zu Jetzt wälzt. In Ermangelung eines besseren Wortes nannte und nenne ich diesen Zustand Glück, kühlend wie ein Frühlingswind, wenn man aus der Enge einer winterlich überhitzen Wohnung ins Freie tritt und atmet, als könne man die Luft trinken, und mit der Luft Wildheit und Weite. Auf diese Weise hat die Ahnung nichts von ihrer Kraft eingebüßt, im Gegenteil, vielleicht hat die Befreiung von allen Namen ihr erst diese ursprüngliche Kraft zurückgegeben.

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