Illusion

Die Vorstellung, alles, die gesamte Wirklichkeit sei eine Illusion, kann sehr schädlich sein und das Gegenteil von echter Erkenntnis. Abhängiges Entstehen bedeutet nicht nur, dass die Dinge in Abhängigkeit voneinander und in Abhängigkeit vom Subjekt existieren. Es bedeutet auch, dass jedes Selbstbild, Selbstgefühl, jedes „Ich-Sein“ ebenfalls in Abhängigkeit von der Wirklichkeit besteht. Das bedeutet, dass die Berührung zwischen Ich und Wirklichkeit total ist, ja, dass das Ich selbst diese Berührung ist. Bei der Vorstellung, die Welt sei nur eine Illusion, stellt man sich vor, hier ist das Ich und dort ist die Illusion. Oder man stellt sich vor, auch das Ich sei eine Illusion, ebenso wie die Welt, die eine Illusion ist. Allerdings ist es wieder ein Ich, das sich vorstellt, das Ich und die Welt sei eine Illusion.

Tatsächlich aber ist es eben genau umgekehrt. Die Illusion ist gerade die Vorstellung, dass eine Trennung zwischen Ich und Welt besteht. Und damit meine ich nicht die Vorstellung von einem Ich, sondern das, was „näher ist als der Bruchteil eines Haares“. Der, der hört, derjenige, der sieht, derjenige, der denkt, etc.) Die Illusion ist, dass die Welt eine Illusion ist.

Ein Gegenstand ist eine Illusion, solange ich glaube, er sei identisch mit allen Zuweisungen, Voreingenommenheiten, Theorien, Konzepten, Namen oder Vorstellungen, die ich mir von ihm mache. Ich kann mir beispielsweise ein Leben lang ein Bild von einem anderen Menschen machen. Dann tut dieser Mensch plötzlich etwas, was ich ihm nie zugetraut hätte. Und plötzlich merke ich, dass ich mir jahrelang etwas vorgemacht habe, und ahne den eigentlichen Menschen hinter meinen Illusionen – ein paar Augenblicke lang sehe ich ihn wirklich in seinem Fremdsein und Sosein. Enttäuschung findet statt. Desillusionierung. All die Bildnisse zuvor waren Vorstellungen und Illusionen. Sie haben mich davor geschützt, den Anderen in seiner Veränderlichkeit und Fremdheit wahrzunehmen zu müssen. Denn Fremdheit und Veränderlichkeit machen Angst. Man kann den anderen nicht festmachen, man kann sich nicht und ihn nicht festhalten.

Ebenso ist es mit dem eigenen Ich. Jedes Bild, das ich von mir habe, ist zu spät, ist augenblicklich schon verändert in Abhängigkeit von allem anderen, was existiert, bevor ich es beschreiben und festhalten könnte. Wenn ich eine Vorstellung habe von dem, was ich bin, so ist das die Illusion. Die Illusion loswerden bedeutet, das Ich als Vorstellung loslassen hin zu etwas, dass man nicht Greifen kann, weil jeder Griff ins Leere geht.

Warum geht jeder Griff ins Leere? Erst im Nachhinein kann ich einen Begriff, kann ich eine Vorstellung bilden von etwas, sei es das Ich oder sonst etwas. Mit jeder Bewertung oder Festschreibung, Definition oder Konzeption der Wirklichkeit bin ich entfernt von der Wirklichkeit. Warum? Weil das Ich, ebenso wie alles andere sich in ständiger Wandlung befindet, von Augenblick zu Augenblick. Jedes Festhalten an einem Ding oder einem Selbstbild, macht dieses Ding oder dieses Ich sofort zu einer Vorstellung und somit zu einer Illusion. Aber die Wirklichkeit ist keine Illusion. Sie ist in ständigem Wandel, in unablässiger Bewegung. Jedes Festhalten an einer Vorstellung reißt die Wirklichkeit in die Vergangenheit oder/und in die Zukunft, d.h. in die Nicht-Existenz, da weder Vergangenheit noch Zukunft existieren, und tötet so die Wirklichkeit, und macht sie somit zu einer Illusion.

Die Vorstellung, die gesamte Welt inkl. Ich sei eine Illusion, ist dabei besonders fatal, weil sie maximale Distanz zur Wirklichkeit bedeutet. Die Wirklichkeit und das Ich sind komplett festgeschrieben zu der Vorstellung, alles sei Illusion. Damit verliert man jeden Kontakt zur Wirklichkeit und ist in einem totalen Bild gefangen, der totalen Illusion, alles sei Illusion. Das hat natürlich den Vorteil, dass man glaubt, nicht mehr so stark berührt zu werden, und hält das dann fälschlich für Entsagung. In Wirklichkeit ist diese Vorstellung, alles sei Illusion, das zwanghafte Festhalten (Anhaften) an einem Bild, das einen davor schützt, berührt zu werden, da man das Berührt-Werden nicht mehr möchte, weil man Angst vor dem Leiden hat (Ablehnung).

Die Gegenwart – und nur da befindet sich die Wirklichkeit – ist allerdings ist genau das Gegenteil. Es ist unablässiges Berührt-Werden, totale Wirklichkeit. Das Sein ist Berührung. Wahrnehmung ist Berührung. Wenn alle Vorstellungen und Bilder von dem, was die Wirklichkeit, die Dinge und das Ich sind, wegfallen, dann fällt auch die Vorstellung weg, alles sei Illusion. Allerdings erscheint aus dieser desillusionierten, Illusions- und vorstellungsfreien Position heraus alles, was man zuvor glaubte, als Illusion, und das zu Recht!

Menschen die glauben, die Welt sei nichts als Illusion, schützen sich oft davor, berührt zu werden (Ich spreche aus Erfahrung). Sie werden zu unbeteiligten Beobachtern einer traumartigen Wirklichkeit. Diese Erkenntnis ist keine Erkenntnis sondern eine Erkrankung (siehe Derealisation). Das Ziel im Buddhismus ist meinem Verständnis nach aber das Gegenteil. Es geht um die Erkenntnis, dass wir maximal berührt, betroffen und beteiligt sind, da wir aus dem bestehen, was wir beobachten, ja, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem Beobachter und dem, was der beobachtet. Es geht um die Erkenntnis, das es nichts gibt, das sich nicht ständig und in Abhängigkeit von allem anderen wandelt, so dass jedes Festhalten-Wollen, das Festgehaltene sofort zu einer toten Vorstellung erstarren lässt – entweder als Anhaftung oder Ablehnung – die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat und tatsächlich Illusion ist.

Durch die Erkenntnis, dass wir von der Wirklichkeit unablässig berührt werden und diese Wirklichkeit sind, erwächst ein immer stärkeres Mitgefühl mit andern, eine echte Betroffenheit, in der man erkennt, dass die Wirklichkeit einen tatsächlich und total betrifft, und das fremde Leiden immer auch das eigene Leiden ist. Es ist eine radikale und totale Wirklichkeit, von der man sich in keiner Weise lösen kann, weil man selbst diese Wirklichkeit ist. Daraus resultiert auch ein universelles Gefühl von Verantwortung für die Wirklichkeit. Es ist das völlige Gegenteil zu der Vorstellung, alles sei Illusion.

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