Zweifel

Lange habe ich überlegt, was mich eigentlich bei religiösen (oder antireligiösen oder wissenschaftlichen oder antiwissenschaftlichen, etc…) Systemen, die immer eine Antwort haben, so sehr stört. Nun glaube ich, einen Teil der Antwort gefunden zu haben. Es ist die Suggestion, dass es eine Lösung gibt, es ist die Suggestion, dass es eine Erklärung gibt.

Schön, dass der Buddha (zumindest im Theravada) das gar nicht erst versucht hat… Schweigen, wenn es keine überzeugende Antwort gibt. Keinen Nebel verbreiten, der dann zu glauben ist, wenn es eigentlich ans Zweifeln gehen sollte.

Mir persönlich ist der „große Zweifel“, so heißt das im Zen, mehr wert als alle Rituale, Gottesdienste, Wunschgebete, Pfade, ätherischen Buddhas, Bodhisattvas, Götter und der ganze märchenhafte Ausdruck verzweifelter Kreativität, Ohnmacht und Machtlust, dem man immer wieder in allen Kulturen begegnet. Der „große Zweifel“ geht weit tiefer als all diese vielen, hilflosen Versuche, etwas zu kontrollieren, dessen Eigenschaft es ist, nicht kontrollierbar zu sein: Jetzt.

Es gibt schlicht keinen Ausweg – das ist der Ausweg. Es gibt keinen Grund zur Hoffnung – das ist die Hoffnung. Es gibt auch nichts, das „fest“ wäre, weder Dinge noch Erkenntnisse – und selbst das – diese Behauptung – ist noch flüchtiger als der gegenwärtige Moment. Ein zielführender, erlösender Weg: Erlösung von der Hoffnung mit dem Ziel des Hier und Jetzt.

Darum ist es gut, wenn sich jeder in diese Leere hinein das Boot baut, das ihn mit seinen Erwartungen, Befürchtungen und Anlagen am besten auf die andere Seite bringt. Da mag der eine dem anderen mit Rat und Tat zu Seite stehen, wie er es vermag. Und solche die schon drüben waren, oder keine Boote mehr brauchen, weil sie über das Wasser gehen können oder im Sitzen fliegen, können die Angst nehmen vor dem großen Schritt ins Ungewisse.

Ungünstig allerdings, wenn manche sich hier, wo wir alle noch anwesend sind und sein müssen, statt der Boote Hütten, Zollstationen, Paläste, Gefängnisse oder Klöster bauen, und nurmehr spekulieren, was die Beschaffenheit der anderen Seite sein mag und was nicht.

Schlecht ist, wenn dann noch behauptet wird, nur mit einem besonderen, schwer zu erlangenden und zudem besonders kostbaren Boot, welches obendrein nur ein besonders weiser Bootsbauer vertreibe, könne an ein Übersetzen auf die andere Seite überhaupt gedacht werden – alles andere führe zu Schande, Schmach und Untergang.

Ungut auch, wenn man jene, die auf die andere Seite wollen, derart entmutigt, indem man ihnen sagt, sie würden selbst unter Führung Jahrzehnte, wenn nicht noch weitaus länger benötigen, um überhaupt dem Fluss nahe zu kommen, dass sie lieber – nun unselbstständig und der Führung wirklich bedürftig – diejenigen beginnen zu bewundern und unterstützen, die solche Behauptungen und Verwirrungen erst aufstellen, anstatt sich mutig alleine weiter auf die Reise zu machen – denn man kann ohnehin nur alleine reisen. (Lektüre hierzu: Das Schloss von Franz Kafka)

Besonders übel, wenn man jene, die reisen wollen oder dies zumindest einmal wollten, dann obendrein noch fügsam und gehorsam macht mit Angst vor Strafen und Höllen und schlechten Existenzen, dass sie um so mehr das Vertrauen in den Zweifel verlieren, und es durch das zweifelhafte Vertrauen in solche Einflüsterer und Führer ersetzen, die diese Ängste erst schüren.

Da ist mir der Zweifel lieber, der die machthungrigen Erzählungen, Legenden, Lehren und Theorien über Wirklichkeit und Wahrheit sorgsam zersetzt und verdaut und nichts übrig lässt als Wirklichkeit.

Es ist merkwürdig einfach und still um die, denen ich einen Blick auf die andere Seite, in die Wirklichkeit tatsächlich zutraue. Kein Gezeter, kein Machtkalkül dafür viel Schweigen, viel Güte und wenig Nebel. Bankei Eitaku ist für mich einer dieser Menschen gewesen, schon lange tot, das ist sehr, sehr schade. Es ist aber schön seiner Stimme zu lauschen, die über seine Texte bis heute zu uns dringt.

Bei diesem Gerangel um die Märkte der Esoterik-Industrie gehen diese leisen Leute heutzutage leicht unter, fürchte ich. Auf die lauten lohnt es sich aber kaum zu hören. Viel zu zweifelsfrei und festgemauert sind da die Dinge und Gedanken, damit sich Zuflucht-Suchende voller Hoffnung daran klammern können.

Mit Speck fängt man Mäuse.

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