Authentische Lehre

Was nutzt eine authentische Übertragung des tibetischen oder japanischen oder chinesischen Buddhismus, wenn ich (als Europäer) kein authentisches, also tibetisches, japanisches oder chinesisches Gefäß bin, diese Form der Lehre zu empfangen?

Mir kommen die Unterweisungen traditioneller Lehrer oder Lehrer des indisch, japanisch oder tibetisch geprägten Buddhismus oft irgendwie unbeholfen, starr, redundant und in Bezug auf meine Lebenssituation auch nicht besonders passend vor, weil sie wenig in der Lage oder gewillt sind, das Wesen von Menschen zu erfassen oder zu berücksichtigen, die in einer westlichen Industrienation aufgewachsen sind. Lese ich hingegen Gedanken von Menschen, die einen „westlichen“ oder zeitgenössischen Weg des Verständnissen der Lehre versuchen (z.B. Schopenhauer, Nishitani, Schäfer, Nakamura, Hecker , Kopp und viele mehr), so nehme ich das mit Freude und großem Gewinn auf. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in diesem Fall ein authentischen Gefäß für eine Lehre bin, die möglicherweise, aus der Perspektive der Tradition betrachtet, nicht mehr so ganz „authentisch“ weitergegeben wird, dafür aber lebendig und fruchtbar für meine Ohren. Wobei die Frage bleibt: wann ist eine Lehre authentisch.

Wenn ich die Sutren im Palikanon lese, so bemerke ich, dass der Buddha die kostbare Fähigkeit hatte, seine Lehre dem jeweiligen Menschen sowie dessen spezifischer Fragestellung und Lebenssituation anzupassen. Warum hatte Buddha diese Fähigkeit? Gerade weil er sich nicht auf die „authentische“ Tradition eines anderen Kulturkreises berufen musste, war er in der Lage aus einer (in einem wesentlich wertvolleren Sinne) authentischen Haltung und Zeitgenossenschaft heraus zu lehren. Mit anderen Worten: er war kein Vertreter einer uralten Tradition sondern ein Mensch mit echten Erfahrungen, die seiner direkten Lebensumwelt und Zeit entstammten.

Eine über viele Generationen hinweg tradierte Lehrauffassung einer uns fremden asiatischen Kultur in der Diaspora, die zum Teil noch mittelalterlichen Vorstellungswelten verhaftet ist, kann diese Unmittelbarkeit, Zeitgenossenschaft und Anpassungsfähigkeit in unserer Kultur unmöglich leisten. Daher bin ich, versuche ich dieser Lehre zu folgen, immer wieder auf „Glauben“ angewiesen, wo gar kein Glauben von Nöten ist, ja sogar unter Umständen schädlich sein kann, da er echter Erkenntnis im Wege steht. Das habe ich immer wieder während des Studiums des traditionellen tibetischen Buddhismus zu spüren bekommen.

So groß der Verdienst auch ist, die buddhistische Lehre indo-tibetischer oder japanischer Prägung über Jahrhunderte konserviert zu haben, so ist und bleibt es dennoch eine Konserve: Wenig frisch, wenig veränderlich und verschlossen – unter Umständen und in Teilen vielleicht auch schon nicht mehr genießbar.

Vielleicht sollten die Vertreter der verschiedenen traditioniellen Ausprägungen des Buddhismus es mal wieder mit frischem Essen versuchen und die Konserven im Schrank lassen. Kocht doch mal was Leckeres!

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