Demokratie und Buddhismus

Es gibt zur Zeit bei vielen Menschen eine große Affinität zum Buddhismus. Allerdings nur zu solch einem Buddhismus, der von metaphysischen Vorstellungen und Asketentum weitgehend befreit ist und dem Konsumenten, der eher nach Entspannung denn nach Erkenntnis verlangt, nicht über Gebühr beansprucht. Hier wird deutlich: Es gibt einen Punkt, an dem Aufklärung, Selbstbstimmung, Individualismus und rationales Denken, Wirklichkeit beginnt zu verbergen und nicht länger sichtbar zu machen.

Buddhismus von allen kulturellen Ausprägungen zu „reinigen“, um die ursprüngliche Lehre des Begründers Siddhartha Gotama „freizulegen“,  ist ähnlich sinnvoll wie die Physik auf Archimedes zurückführen zu wollen, und damit alles, was auf Archimedes folgte, als nicht der eigentlichen Physik zugehörig zu deuten. Der historische Buddha ist der Begründer einer Idee. Nach ihm kommen viele, die diese Idee ausgearbeitet haben. Die Psychologie, um ein Beispiel zu nennen, endet ja auch nicht mit Sigmund Freud (Und beginnt auch nicht dort). Die Geschichte des Rades endet nicht in dessen anonymen Erfinder. Der Buddhismus ist ein Feld von Entwicklungen, Bedeutungen, Deutungen, Metaphern, Betrachtungen, Philosophien, ein Feld, das längst nicht abgesteckt oder beendet ist. Sein Kern ist nicht die Lehre einer bestimmten historischen Figur sondern eine Phänomenologie, die nach wie vor Gültigkeit hat, und die ihre Tiefe, Vielschichtigkeit und praktische Vielfalt allen zu verdanken hat, die im Bereich „Erwachen  durch Erkenntnis der Leerheit“ geforscht haben. Beim Buddhismus geht es im Kern um den Weg, wie man zu einem Buddha, zu einem Erwachten werden kann. Viele Menschen vieler Kulturen und Zeiten haben unterschiedliche Wege aufgezeigt, wie man sich diesem Ziel nähern kann. Den Buddhismus auf die Lehre des historischen Buddha beschränken, hieße 2500 Jahre Forschung als ungültig oder unnötig zu deklarieren.

Der Buddhismus kann keinem demokratischen Prozess untergeordnet werden. Das geht ebenso wenig, wie man eine Naturwissenschaft demokratischen Prinzipien unterstellen kann. Warum? Weil es bei der Wissenschaft wie auch beim Buddhismus um Erkenntnis von der Beschaffenheit der Wirklichkeit geht, und die ist nun einmal nicht wählbar sondern nur zu erforschen. Alle Menschen, die sich der Erforschung des Feldes der Wirklichkeit gewidmet haben, haben Anteil an dem Gebäude des Wissens, das uns heute zur Verfügung steht. Mit Demokratie hat das nichts zu tun. Käme nun heute einer auf die Idee, Erkenntnis durch Wahl statt durch Forschung zu verifizieren, hätte unser Wissen um die Welt bald ein Ende. Das liegt daran, dass die Entscheidungsträger in der Demokratie, also die Wähler, keine Experten sind. Würde also das Wirklichkeit werden, was dem Mann auf der Strasse Wirklichkeit ist, so würden unser Bild der Welt sehr schnell sehr schlicht und holzschnittartig werden.

Eine Säkularisierung des Buddhismus von „unten“ nach „oben“ würde zu einem ähnlichen Ergebnis führen, denn die Masse der Menschen ist nun einmal auf dem Weg zum Erwachen wenig oder gar nicht fortgeschritten. Gäben nun solche den Ton an, geriete schnell in Vergessenheit, was das überhaupt ist: Erwachen. Im Buddhismus – wie in jeder Wissenschaft – braucht es Expertentum und Kompetenz nicht Demokratie.

Wenn jemand das wissenschaftliche Weltbild verändern kann, so sind es Experten nicht Parteien. Im Buddhismus ist es ebenso. Es ist eben nicht jeder ein kreativer Bodhisattva, ebenso wenig wie jeder Mensch ein Künstler ist. Es gehört bedeutend mehr dazu, ein Bodhisattva zu sein, als ein bisschen Facebook und Hingabe.

Es ist nur der ein Experte auf seinem Fachgebiet, der es komplett durchdrungen und sich so Kompetenz erworben hat. Auf den Buddhismus übertragen ist das vielleicht jemand, der den Pfad des Sehens beschritten hat, denn nur die unmittelbare Erfahrung der Leerheit befähigt einen Menschen eben diese Erfahrung angemessen an andere weiterzugeben. Um diese Erfahrung dreht sich die ganze Buddhistische Forschung der letzten 2500 Jahre. Diese Erfahrung ist allerdings kein Massenphänomen, wie wir alle wissen, weshalb auch einmal weniger Buddhismus einem demokratischen Prozess unterworfen werden kann.

Ein Buddhismus, den jeder versteht, der aller unverständlichen, mysteriösen oder mystischen Beschreibungen beraubt ist, der also bei dem Mann oder der Frau von der Straße nicht zu Unverständnis führt, ist aller Erkenntnisse beraubt, die über das Erkenntnisvermögen des Normalbürgers hinausgehen. Und damit all dessen, was das Zentrale und Wesentliche ist: Die Beschreibung der Leerheit und der Wege, die dorthin führen können. Übrig bleibt eine lebenspraktische Ethik inkl. konzentrationsförderndem Entspannungstraining, aber kein Buddhismus, keine Lehre vom Erwachen.

Säkularisation ist kein Prozess, der unhinterfragt der Unterstützung wert ist, weil er die Möglichkeit der Erkenntnis dort begrenzt, wo sie für den Normalbürger beginnt, undenkbar zu erscheinen. Der buddhistische Erkenntnisprozess erweitert aber den Raum des Denkbaren, so dass Möglichkeiten der Erkenntnis aufscheinen, die Anfangs nicht denkbar waren. Das ist in jeder Religion so. Darum ist der Bereich des Religiösen heute wichtiger denn je, weil er die Menschen unbegrenzte Erkenntnisräume lehrt. Säkularisation ist in dieser Hinsicht dem reinen Materialismus in den Naturwissenschaften ähnlich. Man findet nur das vor, was man ohnehin schon kennt. Und das ist eindeutig viel zu wenig.

Über Karma

Jemand, der in einer Höhle lebt, und sich nur von Brennnesseln ernährt, kann einer der glücklichsten Menschen auf der Welt sein, wie es zum Beispiel von Milarepa berichtet wird. Jemand, der in einem sehr feudalen Haus wohnt, in einem sehr reichen Land, in völliger Sicherheit und allem, was sein Herz begehrt, kann unter starken Depressionen und Ängsten leiden, und der unglücklichste Mensch der Welt sein. Auch die umgekehrten Fälle sind denkbar.

Die Stärke des Leidens verschiedener Menschen lässt sich nicht unbedingt an äußeren Gegebenheiten wie Reichtum oder Armut, Hunger oder Sattsein messen. Ob und wie stark ein Mensch unter einer Situation, die er vorfindet, leidet, hängt davon ab, in welchem Verhältnis er zu dieser Situation steht. Viel stärker bestimmt die jeweilige geistige Disposition, wie etwas empfunden wird. Hat jemand unter starken körperlichen Schmerzen zu leiden, hat aber einen ausgeglichenen und heiteren Geist, so werden ihn die Schmerzen nicht so stark gefangen nehmen können, er wird nicht so stark unter den Schmerzen leiden. Hat aber jemand einen sehr deprimierten, ängstlichen Geist, so können schon unbedeutende Dinge die Empfindung von großem Leiden auslösen. Darum unter anderem heißt es auch im Buddhismus: Der Geist geht allem voran.

Nun ist in der Lehre des Buddha zu lesen, dass es bei den Leiden, wie sie in den ersten beiden edlen Wahrheiten beschrieben werden, um Abhängigkeiten geht. Abhängigkeit erzeugt Leiden, Ablehnung erzeugt Leiden. Diese Leidenschaften verbergen den ungetrübten Zustand des Geistes, der in reinem Sein (Glück) besteht. Das klingt zunächst wie eine pure Behauptung. Das Gefühl, sich Unabhängigkeit erarbeitet zu haben – in welcher Situation auch immer – macht weit glücklicher, als Befriedigung in Abhängigkeit zu bekommen. Ein Alkoholiker ist glücklich, wenn er bei starkem Suchtdruck einen Schnaps bekommt. Wie viel glücklicher ist er aber, wenn es ihm gelingt, den Schnaps abzulehnen? Diese prinzipielle Struktur lässt sich auf jeden Zustand übertragen, der uns Menschen in Abhängigkeit bringt. Selbst auf die Abhängigkeit davon, existieren und nicht sterben zu wollen.  Jeder, der aber ein paar Monate regelmäßig meditiert hat, bekommt einen Vorgeschmack von diesem Zustand der allmählich größer werden Unabhängigkeit.

In der Lehre des Buddha ist weiterhin zu lesen, dass Karma Wille bedeutet, die Tat des Geistes also, die der eigentlichen Handlung vorausgeht. Der Wille ist Ausdruck des Grades von Abhängigkeit. Eine Handlung, die ich unter dem Druck der Abhängigkeit ausführe, manifestiert die Abhängigkeit. Eine Handlung, die ich gegen den Druck der Abhängigkeit ausführe, lockert die Abhängigkeit.

Ein Alkoholiker, dem es gelingt, ein Glas Schnaps abzulehnen, hat einen kleinen Sieg über die Abhängigkeit vom Schnaps errungen. Die Abhängigkeit ist etwas gelockert. Wird er aber schwach und trinkt den Schnaps, so sind all seine vorherigen Bemühungen zunichte gemacht, und die Abhängigkeit ist stärker denn je… und damit auch sein Leiden. Auch auf der Ebene des Willens gelten diese Bedingungen. Wird der Wille schwach, steigt die Abhängigkeit, ist der Wille zu gesunden stark, sinkt auch der Grad der Abhängigkeit.

Jeder kleine Sieg, den ein Abhängiger gegenüber seiner Droge erzielt, hinterlässt Spuren in seinem Bewusstsein. Langsam kann er sich emanzipieren, weil er immer mehr Erfahrungen seiner eigenen Unabhängigkeit und Stärke macht. Ebenso gilt das umgekehrte. Jeder Rückfall hinterlässt Spuren im Bewusstsein, schwächt ihn, treibt ihn weiter in die Abhängigkeit.

Die „Drogenwirkung“, die das Leben mit all seinen Facetten auf den Menschen ausübt, ist ungeheuer stark. Darum ist auch das Leiden, das daraus hervorgeht, so allumfassend. Nun gibt es Willensimpulse, die in Richtung einer Emanzipation und Befreiung von der Abhängigkeit weisen, und solche, die die Abhängigkeit zementieren und auch noch verstärken können. Im Allgemeinen findet jeder von uns eine unglaublich komplexe Gemengelage unterschiedlichster Abhängigkeiten und Dispositionen vor. Diese Abhängigkeiten bestimmen unser Verhältnis zur Wirklichkeit, und bilden somit auch die Basis dafür, ob, wie stark und unter welchen Situationen wir leiden oder nicht. Arbeitslosigkeit zum Beispiel kann für den einen eine völlige Katastrophe sein, die ihn in den Selbstmord treibt, dem anderen kann sie willkommene Befreiung und Chance zur Neuorientierung sein. Welche Abhängigkeiten machen Arbeitslosigkeit zu etwas, unter dem man leiden muss? Wie kann man sich davon befreien?

Fassen wir zusammen: jeder Willensimpuls, jede Handlung hinterlässt eine Spur im Bewusstsein und formt so das Bewusstsein. Dieses Bewusstsein bestimmt das Verhältnis zur Wirklichkeit und auf diese Weise auch die Art und Weise, wie diese Wirklichkeit wahrgenommen wird. Die Art der Wirklichkeitswahrnehmung bestimmt, ob und inwiefern wir unter diesen Wahrnehmung von Wirklichkeit leiden oder nicht. Willensimpulse, die in Richtung einer Emanzipation von Abhängigkeit gehen, führen zu einer Abnahme des Leidens. Solche, die dem Druck der Abhängigkeiten folgen, verstricken uns weiter darin und vermehren das Leiden an den Wahrnehmungen der Wirklichkeit. Es hängt also von der Form des Bewusstsein ab, ob eine Situation als leidhaft empfunden wird oder nicht.

Die unendliche Masse an Situationen, die jedem von uns im Leben begegnen, sind an sich weder leidhaft noch angenehm. Es ist wie eine rohe Masse, die in Verbindung mit unserem Bewusstsein zu Erleben wird. Wenn also zwei Menschen der gleichen Situation ausgesetzt sind, bedeutet das nicht, dass sie auch das gleiche Erleben davon haben. Wendet man das nun auf Situationen wie Kriege, Wohlstand, Armut oder auch den Holocaust an, so merkt man schnell, dass es völlig absurd ist, von kollektivem Karma zu reden.

Kollektives Karma, wenn man diesen Begriff überhaupt bemühen will, bedeutet eher, dass in einer Gesellschaft sich eine bestimmte Sichtweise auf Wirklichkeit etabliert, die von sehr vielen Mitgliedern dieser Gesellschaft geteilt und geglaubt wird. Diese Sichtweise kann dann zu kollektiven Ablehnungen und Ängsten, Zielvorstellungen und Abhängigkeiten führen. Zum Beispiel hatte sich im Nationalsozialismus eine bestimmte kollektive Wahrnehmung des Begriffes Rasse etabliert, der über viele Jahre das Verhältnis des Einzelnen zur Wirklichkeit geprägt hatte, und so die bekannten Wirkungen aus Angst, Hass, Krieg, Vernichtung, Schuld und Wut hervorgebracht. Wirklichkeitswahrnehmung, Erleben und daraus resultierende Willensimpulse bedingen sich in jedem Augenblick ständig gegenseitig, und im gesamten dann auch die Wahrnehmungen, das Erleben und die Willensimpulse der Individuen untereinander und so die ganze Gesellschaft. Wie komplex diese Bedingtheiten (abhängiges Entstehen) sind, kann man sich leicht vorstellen. Darum gilt Karma auch als stark verborgenes Phänomen: die unendliche Menge der kausalen Verknüpfungen die schon zur Gefühlslage und zur Art des Erlebens eines Einzelnen führen, macht es einfach unmöglich, mehr als nur grobe Tendenzen auszumachen. Und wie erst in  Bezug auf eine ganze Gesellschaft?

Das möge man bedenken, wenn man von „karmischer Schuld“ spricht, oder als „Begründung“ für ein Ereignis „karmische Ursachen“ heranzieht.

Nach buddhistischer Lehre ist nicht ein Ereignis die eigentliche Ursache für Unglück und Leiden, sondern Anhaftung und (Abhängigkeit) Ablehnung, die auf der Basis von Unwissenheit gegenüber diesem Ereignis entstehen. Für diese Ursachen trägt man Verantwortung, für das Ereignis selbst – wenn überhaupt – nur zum Teil. Von Schuld zu reden, wäre völlig verfehlt. Wenn ich also zum Beispiel die Arbeit verliere, mag ich daran einen gewissen Anteil haben. Allerdings ist nicht die Arbeitslosigkeit (die Situation) selbst Grund für das Leiden, das daraus entsteht, sondern mein Verhältnis zu dieser Situation. Wird jemand ausgeraubt, so ist dieses Ereignis sicher keine oder kaum Konsequenz seiner früheren Handlungen. Aber ob und wie man unter dem Verlust und dem Überfall selbst leidet, ist von dem Verhältnis zur Wirklichkeit abhängig, das man im Laufe der Zeit eingenommen hat.

Der Bewusstseinsstrom ist nichts anderes als das Verhältnis desselben zur Wirklichkeit. Und das ist die Wirklichkeit (das, was auf bestimmte Weise wirkt oder Wirkung ist – es existiert nichts als Wirkung ). Formt der Mensch das Bewusstsein, formt er die Wirklichkeit. Jede Tat, jeder Willensimpuls (Karma) formt das Bewusstsein. Aus diesem Bewusstsein geht unser Verhältnis zur Wirklichkeit hervor und prägt so wieder die Wirklichkeit und die Handlungen und Willensimpulse, die daraus hervorgehen. Das alles in jedem Augenblick, sehr vielschichtig und in Reaktion und Relation auf alles, was uns an Situationen und Wahrnehmungen von Augenblick zu Augenblick begegnet.

Weg

In der buddhistischen Geistesschulung geht man den Weg des Glücks. Alle Wesen wollen Glück erlangen und Leid vermeiden. Man sollte nicht vergessen, warum man das alles macht, sich das Hirn faltig denkt mit solchen abstrakten Dingen wie Leerheit oder Anhaftung oder stundenlang die Wand anstarrt. Das Ziel ist, glücklich zu werden.

Ein Zigarettenraucher ist glücklich, wenn er nach einem langen Flug endlich wieder eine Zigarette anzünden kann. Vorher hat er im Flugzeug unter den Entzugserscheinungen gelitten. Würde er nicht rauchen, hätte er weder das Leid des Entzuges zu dulden gehabt, noch den Genuss der ersten Zigarette mit Freude genossen.

Nun kann man sagen, ohne den Entzug, seine Abhängigkeit hätte der Raucher auch nicht das Glück der Zigarette gehabt. Ist also nur Glück in Relation zu Unglück möglich? Es scheint fast so. Das Leid des Wandels wird das im Buddhismus genannt; wir verwechseln das oft mit Glück. Es gibt aber noch eine weitere, dauerhaftere Art des Glücks. Das ist das Glück der Freiheit von Abhängigkeit. Ein Raucher muss rauchen und er muss auch die Entzugserscheinungen dulden, wenn er aus irgendwelchen Gründen nicht rauchen darf. Er hat keine Wahl. Jeder, der schon einmal geraucht hat, weiß, was es für ein befreiendes Gefühl ist, nach ca. einer Woche nicht mehr rauchen zu müssen. Diese gewonnene Autonomie ist eine Form des Glücks, die nicht mehr äußeren und inneren Bedingungen unterworfen ist. Ich muss keine Entzugserscheinungen mehr dulden, wenn ich im Flugzeug bin, ich muss auch nicht mehr Rauchen, wenn ich endlich wieder Gelegenheit dazu habe. Ich bin unabhängig von diesen Zwängen. Diese Form von Glück ist wesentlich stabiler als der kurze Genuss der ersten Zigarette nach einer Zeit der Abstinenz. Denn das erste Glücksgefühl nach den ersten Zügen an der Zigarette weicht schnell einer Ernüchterung, einer Gewöhnung, bei der das anfängliche Glück schnell einer Frustration weicht. Das Sanskrit-Wort Dukkha (Leiden) wird ja auch neben „Durst“ gerne mit dem Wort „Frustration“ übersetzt. Diese Frustration folgt fast allen Arten von „weltlichem“ Glück früher oder später. Mit „weltlichem“ Glück ist hier solches gemeint, das man auch Befriedigung eines Verlangens, Erfüllung einer Begierde, Löschen eines Durstes nennen könnte. Das merkwürdige bei dieser Art von Glück ist, dass die Erfüllung, die Befriedigung die Löschung des Durstes nur relativ kurz anhält und dann wieder einer Fühllosigkeit weicht, bis das nächste Verlangen auftaucht, das nach Befriedigung verlangt.

Wenn jemand einem diese Art von Glück streitig machen will, löst das Zorn oder Hass aus. Die Vorstellung für mehrere Stunden nicht rauchen zu dürfen, erfüllt passionierte Raucher mit Zorn und Angst. Wenn man einem Alkoholiker oder einem Junkie seinen Stoff vorenthält, werden sie in der Regel fuchsteufelswild. Abhängigkeit, Begierde bringt Hass hervor auf den oder die, welche einem das Glück vorenthalten wollen. Ein Drogenabhängiger, der seine Sucht überwunden hat, hat damit natürlich auch den Hass überwunden auf die, die ihm angeblich den Stoff streitig machen wollen.  Zudem wird er auch Mitgefühl für die empfinden, die sich noch in der Abhängigkeit befinden, denn er weiß genau, wie es sich anfühlt, wenn man in die Abhängigkeit nach einer Droge verstrickt ist.

Ein Buddha ist nun jemand, der alle Abhängigkeiten, wortwörtlich ALLE überwunden hat.

Wenn ich mir mein Leben genau anschaue, sehe ich unzählige Abhängigkeiten, unzählige „Drogen“. Die meisten bemerke ich erst, wenn ich sie nicht mehr zur Verfügung habe. Dazu gehört meine körperliche Fitness zum Beispiel. Solange sie mir zur Verfügung steht, bemerke ich meine Abhängigkeit nicht. Der Körper wird irgendwann seine Funktionen mehr und mehr einbüßen. Darunter werde ich leiden, das weiß ich. Mit Alter, Krankheit und Tod, werde ich ALLES verlieren. Alles, was mir Freude macht, wird mir so zu einer Quelle des Leidens: Der Spaziergang, das Glänzen der regenfeuchten Blätter, der wunderbare Geruch des herbstlichen Waldes, alles wird mir zum Anlass für Durst, Verlangen, für Dukkha, wenn ich all diese schönen Dinge, Gefühle und Empfindungen drohe zu verlieren.

Nicht also nur materielle Dinge gehören zu dem, was Leiden erzeugen kann, sondern schlicht alles, was kurzfristiges Glück erzeugt. Es gibt auch die Begierde nach Existenz, nicht nur von Dingen oder Empfindungen innerhalb der Existenz. Die Abhängigkeit im Sinne von Sucht durchdringt also beinahe jede Facette der Existenz.

Authentische Lehre

Was nutzt eine authentische Übertragung des tibetischen oder japanischen oder chinesischen Buddhismus, wenn ich (als Europäer) kein authentisches, also tibetisches, japanisches oder chinesisches Gefäß bin, diese Form der Lehre zu empfangen?

Mir kommen die Unterweisungen traditioneller Lehrer oder Lehrer des indisch, japanisch oder tibetisch geprägten Buddhismus oft irgendwie unbeholfen, starr, redundant und in Bezug auf meine Lebenssituation auch nicht besonders passend vor, weil sie wenig in der Lage oder gewillt sind, das Wesen von Menschen zu erfassen oder zu berücksichtigen, die in einer westlichen Industrienation aufgewachsen sind. Lese ich hingegen Gedanken von Menschen, die einen „westlichen“ oder zeitgenössischen Weg des Verständnissen der Lehre versuchen (z.B. Schopenhauer, Nishitani, Schäfer, Nakamura, Hecker , Kopp und viele mehr), so nehme ich das mit Freude und großem Gewinn auf. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in diesem Fall ein authentischen Gefäß für eine Lehre bin, die möglicherweise, aus der Perspektive der Tradition betrachtet, nicht mehr so ganz „authentisch“ weitergegeben wird, dafür aber lebendig und fruchtbar für meine Ohren. Wobei die Frage bleibt: wann ist eine Lehre authentisch.

Wenn ich die Sutren im Palikanon lese, so bemerke ich, dass der Buddha die kostbare Fähigkeit hatte, seine Lehre dem jeweiligen Menschen sowie dessen spezifischer Fragestellung und Lebenssituation anzupassen. Warum hatte Buddha diese Fähigkeit? Gerade weil er sich nicht auf die „authentische“ Tradition eines anderen Kulturkreises berufen musste, war er in der Lage aus einer (in einem wesentlich wertvolleren Sinne) authentischen Haltung und Zeitgenossenschaft heraus zu lehren. Mit anderen Worten: er war kein Vertreter einer uralten Tradition sondern ein Mensch mit echten Erfahrungen, die seiner direkten Lebensumwelt und Zeit entstammten.

Eine über viele Generationen hinweg tradierte Lehrauffassung einer uns fremden asiatischen Kultur in der Diaspora, die zum Teil noch mittelalterlichen Vorstellungswelten verhaftet ist, kann diese Unmittelbarkeit, Zeitgenossenschaft und Anpassungsfähigkeit in unserer Kultur unmöglich leisten. Daher bin ich, versuche ich dieser Lehre zu folgen, immer wieder auf „Glauben“ angewiesen, wo gar kein Glauben von Nöten ist, ja sogar unter Umständen schädlich sein kann, da er echter Erkenntnis im Wege steht. Das habe ich immer wieder während des Studiums des traditionellen tibetischen Buddhismus zu spüren bekommen.

So groß der Verdienst auch ist, die buddhistische Lehre indo-tibetischer oder japanischer Prägung über Jahrhunderte konserviert zu haben, so ist und bleibt es dennoch eine Konserve: Wenig frisch, wenig veränderlich und verschlossen – unter Umständen und in Teilen vielleicht auch schon nicht mehr genießbar.

Vielleicht sollten die Vertreter der verschiedenen traditioniellen Ausprägungen des Buddhismus es mal wieder mit frischem Essen versuchen und die Konserven im Schrank lassen. Kocht doch mal was Leckeres!

Illusion

Die Vorstellung, alles, die gesamte Wirklichkeit sei eine Illusion, kann sehr schädlich sein und das Gegenteil von echter Erkenntnis. Abhängiges Entstehen bedeutet nicht nur, dass die Dinge in Abhängigkeit voneinander und in Abhängigkeit vom Subjekt existieren. Es bedeutet auch, dass jedes Selbstbild, Selbstgefühl, jedes „Ich-Sein“ ebenfalls in Abhängigkeit von der Wirklichkeit besteht. Das bedeutet, dass die Berührung zwischen Ich und Wirklichkeit total ist, ja, dass das Ich selbst diese Berührung ist. Bei der Vorstellung, die Welt sei nur eine Illusion, stellt man sich vor, hier ist das Ich und dort ist die Illusion. Oder man stellt sich vor, auch das Ich sei eine Illusion, ebenso wie die Welt, die eine Illusion ist. Allerdings ist es wieder ein Ich, das sich vorstellt, das Ich und die Welt sei eine Illusion.

Tatsächlich aber ist es eben genau umgekehrt. Die Illusion ist gerade die Vorstellung, dass eine Trennung zwischen Ich und Welt besteht. Und damit meine ich nicht die Vorstellung von einem Ich, sondern das, was „näher ist als der Bruchteil eines Haares“. Der, der hört, derjenige, der sieht, derjenige, der denkt, etc.) Die Illusion ist, dass die Welt eine Illusion ist.

Ein Gegenstand ist eine Illusion, solange ich glaube, er sei identisch mit allen Zuweisungen, Voreingenommenheiten, Theorien, Konzepten, Namen oder Vorstellungen, die ich mir von ihm mache. Ich kann mir beispielsweise ein Leben lang ein Bild von einem anderen Menschen machen. Dann tut dieser Mensch plötzlich etwas, was ich ihm nie zugetraut hätte. Und plötzlich merke ich, dass ich mir jahrelang etwas vorgemacht habe, und ahne den eigentlichen Menschen hinter meinen Illusionen – ein paar Augenblicke lang sehe ich ihn wirklich in seinem Fremdsein und Sosein. Enttäuschung findet statt. Desillusionierung. All die Bildnisse zuvor waren Vorstellungen und Illusionen. Sie haben mich davor geschützt, den Anderen in seiner Veränderlichkeit und Fremdheit wahrzunehmen zu müssen. Denn Fremdheit und Veränderlichkeit machen Angst. Man kann den anderen nicht festmachen, man kann sich nicht und ihn nicht festhalten.

Ebenso ist es mit dem eigenen Ich. Jedes Bild, das ich von mir habe, ist zu spät, ist augenblicklich schon verändert in Abhängigkeit von allem anderen, was existiert, bevor ich es beschreiben und festhalten könnte. Wenn ich eine Vorstellung habe von dem, was ich bin, so ist das die Illusion. Die Illusion loswerden bedeutet, das Ich als Vorstellung loslassen hin zu etwas, dass man nicht Greifen kann, weil jeder Griff ins Leere geht.

Warum geht jeder Griff ins Leere? Erst im Nachhinein kann ich einen Begriff, kann ich eine Vorstellung bilden von etwas, sei es das Ich oder sonst etwas. Mit jeder Bewertung oder Festschreibung, Definition oder Konzeption der Wirklichkeit bin ich entfernt von der Wirklichkeit. Warum? Weil das Ich, ebenso wie alles andere sich in ständiger Wandlung befindet, von Augenblick zu Augenblick. Jedes Festhalten an einem Ding oder einem Selbstbild, macht dieses Ding oder dieses Ich sofort zu einer Vorstellung und somit zu einer Illusion. Aber die Wirklichkeit ist keine Illusion. Sie ist in ständigem Wandel, in unablässiger Bewegung. Jedes Festhalten an einer Vorstellung reißt die Wirklichkeit in die Vergangenheit oder/und in die Zukunft, d.h. in die Nicht-Existenz, da weder Vergangenheit noch Zukunft existieren, und tötet so die Wirklichkeit, und macht sie somit zu einer Illusion.

Die Vorstellung, die gesamte Welt inkl. Ich sei eine Illusion, ist dabei besonders fatal, weil sie maximale Distanz zur Wirklichkeit bedeutet. Die Wirklichkeit und das Ich sind komplett festgeschrieben zu der Vorstellung, alles sei Illusion. Damit verliert man jeden Kontakt zur Wirklichkeit und ist in einem totalen Bild gefangen, der totalen Illusion, alles sei Illusion. Das hat natürlich den Vorteil, dass man glaubt, nicht mehr so stark berührt zu werden, und hält das dann fälschlich für Entsagung. In Wirklichkeit ist diese Vorstellung, alles sei Illusion, das zwanghafte Festhalten (Anhaften) an einem Bild, das einen davor schützt, berührt zu werden, da man das Berührt-Werden nicht mehr möchte, weil man Angst vor dem Leiden hat (Ablehnung).

Die Gegenwart – und nur da befindet sich die Wirklichkeit – ist allerdings ist genau das Gegenteil. Es ist unablässiges Berührt-Werden, totale Wirklichkeit. Das Sein ist Berührung. Wahrnehmung ist Berührung. Wenn alle Vorstellungen und Bilder von dem, was die Wirklichkeit, die Dinge und das Ich sind, wegfallen, dann fällt auch die Vorstellung weg, alles sei Illusion. Allerdings erscheint aus dieser desillusionierten, Illusions- und vorstellungsfreien Position heraus alles, was man zuvor glaubte, als Illusion, und das zu Recht!

Menschen die glauben, die Welt sei nichts als Illusion, schützen sich oft davor, berührt zu werden (Ich spreche aus Erfahrung). Sie werden zu unbeteiligten Beobachtern einer traumartigen Wirklichkeit. Diese Erkenntnis ist keine Erkenntnis sondern eine Erkrankung (siehe Derealisation). Das Ziel im Buddhismus ist meinem Verständnis nach aber das Gegenteil. Es geht um die Erkenntnis, dass wir maximal berührt, betroffen und beteiligt sind, da wir aus dem bestehen, was wir beobachten, ja, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem Beobachter und dem, was der beobachtet. Es geht um die Erkenntnis, das es nichts gibt, das sich nicht ständig und in Abhängigkeit von allem anderen wandelt, so dass jedes Festhalten-Wollen, das Festgehaltene sofort zu einer toten Vorstellung erstarren lässt – entweder als Anhaftung oder Ablehnung – die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat und tatsächlich Illusion ist.

Durch die Erkenntnis, dass wir von der Wirklichkeit unablässig berührt werden und diese Wirklichkeit sind, erwächst ein immer stärkeres Mitgefühl mit andern, eine echte Betroffenheit, in der man erkennt, dass die Wirklichkeit einen tatsächlich und total betrifft, und das fremde Leiden immer auch das eigene Leiden ist. Es ist eine radikale und totale Wirklichkeit, von der man sich in keiner Weise lösen kann, weil man selbst diese Wirklichkeit ist. Daraus resultiert auch ein universelles Gefühl von Verantwortung für die Wirklichkeit. Es ist das völlige Gegenteil zu der Vorstellung, alles sei Illusion.

Zweifel

Lange habe ich überlegt, was mich eigentlich bei religiösen (oder antireligiösen oder wissenschaftlichen oder antiwissenschaftlichen, etc…) Systemen, die immer eine Antwort haben, so sehr stört. Nun glaube ich, einen Teil der Antwort gefunden zu haben. Es ist die Suggestion, dass es eine Lösung gibt, es ist die Suggestion, dass es eine Erklärung gibt.

Schön, dass der Buddha (zumindest im Theravada) das gar nicht erst versucht hat… Schweigen, wenn es keine überzeugende Antwort gibt. Keinen Nebel verbreiten, der dann zu glauben ist, wenn es eigentlich ans Zweifeln gehen sollte.

Mir persönlich ist der „große Zweifel“, so heißt das im Zen, mehr wert als alle Rituale, Gottesdienste, Wunschgebete, Pfade, ätherischen Buddhas, Bodhisattvas, Götter und der ganze märchenhafte Ausdruck verzweifelter Kreativität, Ohnmacht und Machtlust, dem man immer wieder in allen Kulturen begegnet. Der „große Zweifel“ geht weit tiefer als all diese vielen, hilflosen Versuche, etwas zu kontrollieren, dessen Eigenschaft es ist, nicht kontrollierbar zu sein: Jetzt.

Es gibt schlicht keinen Ausweg – das ist der Ausweg. Es gibt keinen Grund zur Hoffnung – das ist die Hoffnung. Es gibt auch nichts, das „fest“ wäre, weder Dinge noch Erkenntnisse – und selbst das – diese Behauptung – ist noch flüchtiger als der gegenwärtige Moment. Ein zielführender, erlösender Weg: Erlösung von der Hoffnung mit dem Ziel des Hier und Jetzt.

Darum ist es gut, wenn sich jeder in diese Leere hinein das Boot baut, das ihn mit seinen Erwartungen, Befürchtungen und Anlagen am besten auf die andere Seite bringt. Da mag der eine dem anderen mit Rat und Tat zu Seite stehen, wie er es vermag. Und solche die schon drüben waren, oder keine Boote mehr brauchen, weil sie über das Wasser gehen können oder im Sitzen fliegen, können die Angst nehmen vor dem großen Schritt ins Ungewisse.

Ungünstig allerdings, wenn manche sich hier, wo wir alle noch anwesend sind und sein müssen, statt der Boote Hütten, Zollstationen, Paläste, Gefängnisse oder Klöster bauen, und nurmehr spekulieren, was die Beschaffenheit der anderen Seite sein mag und was nicht.

Schlecht ist, wenn dann noch behauptet wird, nur mit einem besonderen, schwer zu erlangenden und zudem besonders kostbaren Boot, welches obendrein nur ein besonders weiser Bootsbauer vertreibe, könne an ein Übersetzen auf die andere Seite überhaupt gedacht werden – alles andere führe zu Schande, Schmach und Untergang.

Ungut auch, wenn man jene, die auf die andere Seite wollen, derart entmutigt, indem man ihnen sagt, sie würden selbst unter Führung Jahrzehnte, wenn nicht noch weitaus länger benötigen, um überhaupt dem Fluss nahe zu kommen, dass sie lieber – nun unselbstständig und der Führung wirklich bedürftig – diejenigen beginnen zu bewundern und unterstützen, die solche Behauptungen und Verwirrungen erst aufstellen, anstatt sich mutig alleine weiter auf die Reise zu machen – denn man kann ohnehin nur alleine reisen. (Lektüre hierzu: Das Schloss von Franz Kafka)

Besonders übel, wenn man jene, die reisen wollen oder dies zumindest einmal wollten, dann obendrein noch fügsam und gehorsam macht mit Angst vor Strafen und Höllen und schlechten Existenzen, dass sie um so mehr das Vertrauen in den Zweifel verlieren, und es durch das zweifelhafte Vertrauen in solche Einflüsterer und Führer ersetzen, die diese Ängste erst schüren.

Da ist mir der Zweifel lieber, der die machthungrigen Erzählungen, Legenden, Lehren und Theorien über Wirklichkeit und Wahrheit sorgsam zersetzt und verdaut und nichts übrig lässt als Wirklichkeit.

Es ist merkwürdig einfach und still um die, denen ich einen Blick auf die andere Seite, in die Wirklichkeit tatsächlich zutraue. Kein Gezeter, kein Machtkalkül dafür viel Schweigen, viel Güte und wenig Nebel. Bankei Eitaku ist für mich einer dieser Menschen gewesen, schon lange tot, das ist sehr, sehr schade. Es ist aber schön seiner Stimme zu lauschen, die über seine Texte bis heute zu uns dringt.

Bei diesem Gerangel um die Märkte der Esoterik-Industrie gehen diese leisen Leute heutzutage leicht unter, fürchte ich. Auf die lauten lohnt es sich aber kaum zu hören. Viel zu zweifelsfrei und festgemauert sind da die Dinge und Gedanken, damit sich Zuflucht-Suchende voller Hoffnung daran klammern können.

Mit Speck fängt man Mäuse.

Im Wald

Immer wieder während der Meditation denke ich an die und kühlen, hohen Räume von gotischen Kathedralen. Kathedralen haben sicher nicht grundlos die Erscheinung großer, alter Wälder. Die schlanken Säulen schnellen mit beinahe fiebernd Bewegung in die Höhe, verlieren sich aber weit oben im ernsten Dämmerlicht der Deckengewölbe.  Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch hat es mich immer wieder an diese Orte gezogen – bis heute. Es riecht nach erkaltetem Weihrauch, feuchtem Stein und dem Holz von alten Kirchenbänken. Im Frühjahr, wenn der Sturm tiefe Klänge vibrierend zwischen die Säulen hindurch treibt, und an den nur angelehnten Kirchentüren rüttelt, malt das immer wieder zwischen den schnell ziehenden Wolken hervorbrechende noch kalte Licht der Sonne die farbig glühenden Muster der Fenster auf die staubigen Bodenplatten und altersdunklen Mosaiken. Der Lärm der Stadt klingt dumpf und fern, als erinnere man sich seiner nur undeutlich. Die Kirchen meiner Vorstellung sind fast immer leer. Die wenigen Geräusche erzeugen eine Stille die weit leiser sein kann als die reine Abwesenheit von Tönen, manchmal aber auch laut, beinahe dröhnend wie massives Schweigen. Vielleicht sammelt ein alter Küster schlurfenden Schrittes die abgebrannten Opferkerzen von den Altären in den Seitenschiffen und leert das wenige Geld aus dem Opferstock. Kurz fließt mit seiner Anwesenheit die Zeit wieder in gewohnheitsmäßiger Geschwindigkeit. Das, was einmal den Namen Gott hatte, scheint zwischen diesen Mauern langsam zu einer diffusen Ahnung zu erkalten, und damit alle Kraft, die einmal mit diesem Namen in Verbindung stand. Es ist eine namenlose Ahnung geworden, welche die Benennbarkeit selbst durch Leugnung verloren hat. Dennoch habe ich hier zum ersten Mal in meinem Leben das völlige Verstummen meiner Gedanken zu Gunsten einer beinahe gewaltsamen Gegenwart dessen erlebt, was sich leicht wie Licht und zugleich mit der lawinenartigen Schwere endgültiger Zwangsläufigkeit von Jetzt zu Jetzt wälzt. In Ermangelung eines besseren Wortes nannte und nenne ich diesen Zustand Glück, kühlend wie ein Frühlingswind, wenn man aus der Enge einer winterlich überhitzen Wohnung ins Freie tritt und atmet, als könne man die Luft trinken, und mit der Luft Wildheit und Weite. Auf diese Weise hat die Ahnung nichts von ihrer Kraft eingebüßt, im Gegenteil, vielleicht hat die Befreiung von allen Namen ihr erst diese ursprüngliche Kraft zurückgegeben.

Wahrnehmen, gegeben

Auch nicht beschreibbar ist bereits Wahr genommen.

Wahrnehmung, anstrengungsloß, spontan, nicht wählbar.
Eine Komposition der Sinne
Für dich, als du, durch dich, hindurch. Ohne Ort und Zeit.

Worte, ihre eigene Quelle ….. auf der Suche danach.
Gedanke ungehörte Form der Stille, Tanz ohne Tanzboden, Sturm ohne Bewegung.

Sehnsucht übersieht das Paradies, das es sehnend erschuf in Selbst Vergessenheit.
Vergiss dich selbst, das Paradies zu Sehen.
Leid ist Erinnerung der Sehnsucht an gesehnt Erschaffenes, dich zu vertreiben.
Auf daß du dich vergessen möchtest in Erinnerung.
Leid erlöst von Leid am Rand verzweifelter Absichten ohne Wahl.