Reine Erfahrung

Ich las in der Früh eine schöne Passage zum Thema der reinen Erfahrung bei Nishida Kitaro:

Zitat

Der Gedanke der reinen Erfahrung lässt keine unabhängigen und selbstbestimmten Tatsachen außerhalb des Bewusstseins zu.  In der Tat verhält es sich so, wie Berkeley gesagt hat: esse percipi (Sein ist Wahrgenommenwerden). Unsere Welt ist nur aus Tatsachen der Bewusstseinsphänomene zusammengesetzt. Die Philosophien und Wissenschaften bemühen sich um deren Deutung.

Um Missverständnissen vorzubeugen: Der Begriff Bewusstseinsphänomene könnte dazu verleiten anzunehmen, dass nur ein von der Materie unabhängiger Geist existiere. In dem von mir gemeinten Sinn kann man die wahre Realität sowohl Bewusstseinsphänomen als auch materielles Phänomen nennen. Auch Berkeleys esse percipi stimmt nicht mit dem Gemeinten überein. Die unmittelbare Realität ist nichts Passives, sie ist eine unabhängige, selbstbestimmte Tätigkeit. Daher wäre es treffender zu sagen: esse est agere (Sein ist handeln)

Über das Gute, eine Philosophie der reinen Erfahrung, S. 78/79

Authentische Lehre

Was nutzt eine authentische Übertragung des tibetischen oder japanischen oder chinesischen Buddhismus, wenn ich (als Europäer) kein authentisches, also tibetisches, japanisches oder chinesisches Gefäß bin, diese Form der Lehre zu empfangen?

Mir kommen die Unterweisungen traditioneller Lehrer oder Lehrer des indisch, japanisch oder tibetisch geprägten Buddhismus oft irgendwie unbeholfen, starr, redundant und in Bezug auf meine Lebenssituation auch nicht besonders passend vor, weil sie wenig in der Lage oder gewillt sind, das Wesen von Menschen zu erfassen oder zu berücksichtigen, die in einer westlichen Industrienation aufgewachsen sind. Lese ich hingegen Gedanken von Menschen, die einen „westlichen“ oder zeitgenössischen Weg des Verständnissen der Lehre versuchen (z.B. Schopenhauer, Nishitani, Schäfer, Nakamura, Hecker , Kopp und viele mehr), so nehme ich das mit Freude und großem Gewinn auf. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich in diesem Fall ein authentischen Gefäß für eine Lehre bin, die möglicherweise, aus der Perspektive der Tradition betrachtet, nicht mehr so ganz „authentisch“ weitergegeben wird, dafür aber lebendig und fruchtbar für meine Ohren. Wobei die Frage bleibt: wann ist eine Lehre authentisch.

Wenn ich die Sutren im Palikanon lese, so bemerke ich, dass der Buddha die kostbare Fähigkeit hatte, seine Lehre dem jeweiligen Menschen sowie dessen spezifischer Fragestellung und Lebenssituation anzupassen. Warum hatte Buddha diese Fähigkeit? Gerade weil er sich nicht auf die „authentische“ Tradition eines anderen Kulturkreises berufen musste, war er in der Lage aus einer (in einem wesentlich wertvolleren Sinne) authentischen Haltung und Zeitgenossenschaft heraus zu lehren. Mit anderen Worten: er war kein Vertreter einer uralten Tradition sondern ein Mensch mit echten Erfahrungen, die seiner direkten Lebensumwelt und Zeit entstammten.

Eine über viele Generationen hinweg tradierte Lehrauffassung einer uns fremden asiatischen Kultur in der Diaspora, die zum Teil noch mittelalterlichen Vorstellungswelten verhaftet ist, kann diese Unmittelbarkeit, Zeitgenossenschaft und Anpassungsfähigkeit in unserer Kultur unmöglich leisten. Daher bin ich, versuche ich dieser Lehre zu folgen, immer wieder auf „Glauben“ angewiesen, wo gar kein Glauben von Nöten ist, ja sogar unter Umständen schädlich sein kann, da er echter Erkenntnis im Wege steht. Das habe ich immer wieder während des Studiums des traditionellen tibetischen Buddhismus zu spüren bekommen.

So groß der Verdienst auch ist, die buddhistische Lehre indo-tibetischer oder japanischer Prägung über Jahrhunderte konserviert zu haben, so ist und bleibt es dennoch eine Konserve: Wenig frisch, wenig veränderlich und verschlossen – unter Umständen und in Teilen vielleicht auch schon nicht mehr genießbar.

Vielleicht sollten die Vertreter der verschiedenen traditioniellen Ausprägungen des Buddhismus es mal wieder mit frischem Essen versuchen und die Konserven im Schrank lassen. Kocht doch mal was Leckeres!

Illusion

Die Vorstellung, alles, die gesamte Wirklichkeit sei eine Illusion, kann sehr schädlich sein und das Gegenteil von echter Erkenntnis. Abhängiges Entstehen bedeutet nicht nur, dass die Dinge in Abhängigkeit voneinander und in Abhängigkeit vom Subjekt existieren. Es bedeutet auch, dass jedes Selbstbild, Selbstgefühl, jedes „Ich-Sein“ ebenfalls in Abhängigkeit von der Wirklichkeit besteht. Das bedeutet, dass die Berührung zwischen Ich und Wirklichkeit total ist, ja, dass das Ich selbst diese Berührung ist. Bei der Vorstellung, die Welt sei nur eine Illusion, stellt man sich vor, hier ist das Ich und dort ist die Illusion. Oder man stellt sich vor, auch das Ich sei eine Illusion, ebenso wie die Welt, die eine Illusion ist. Allerdings ist es wieder ein Ich, das sich vorstellt, das Ich und die Welt sei eine Illusion.

Tatsächlich aber ist es eben genau umgekehrt. Die Illusion ist gerade die Vorstellung, dass eine Trennung zwischen Ich und Welt besteht. Und damit meine ich nicht die Vorstellung von einem Ich, sondern das, was „näher ist als der Bruchteil eines Haares“. Der, der hört, derjenige, der sieht, derjenige, der denkt, etc.) Die Illusion ist, dass die Welt eine Illusion ist.

Ein Gegenstand ist eine Illusion, solange ich glaube, er sei identisch mit allen Zuweisungen, Voreingenommenheiten, Theorien, Konzepten, Namen oder Vorstellungen, die ich mir von ihm mache. Ich kann mir beispielsweise ein Leben lang ein Bild von einem anderen Menschen machen. Dann tut dieser Mensch plötzlich etwas, was ich ihm nie zugetraut hätte. Und plötzlich merke ich, dass ich mir jahrelang etwas vorgemacht habe, und ahne den eigentlichen Menschen hinter meinen Illusionen – ein paar Augenblicke lang sehe ich ihn wirklich in seinem Fremdsein und Sosein. Enttäuschung findet statt. Desillusionierung. All die Bildnisse zuvor waren Vorstellungen und Illusionen. Sie haben mich davor geschützt, den Anderen in seiner Veränderlichkeit und Fremdheit wahrzunehmen zu müssen. Denn Fremdheit und Veränderlichkeit machen Angst. Man kann den anderen nicht festmachen, man kann sich nicht und ihn nicht festhalten.

Ebenso ist es mit dem eigenen Ich. Jedes Bild, das ich von mir habe, ist zu spät, ist augenblicklich schon verändert in Abhängigkeit von allem anderen, was existiert, bevor ich es beschreiben und festhalten könnte. Wenn ich eine Vorstellung habe von dem, was ich bin, so ist das die Illusion. Die Illusion loswerden bedeutet, das Ich als Vorstellung loslassen hin zu etwas, dass man nicht Greifen kann, weil jeder Griff ins Leere geht.

Warum geht jeder Griff ins Leere? Erst im Nachhinein kann ich einen Begriff, kann ich eine Vorstellung bilden von etwas, sei es das Ich oder sonst etwas. Mit jeder Bewertung oder Festschreibung, Definition oder Konzeption der Wirklichkeit bin ich entfernt von der Wirklichkeit. Warum? Weil das Ich, ebenso wie alles andere sich in ständiger Wandlung befindet, von Augenblick zu Augenblick. Jedes Festhalten an einem Ding oder einem Selbstbild, macht dieses Ding oder dieses Ich sofort zu einer Vorstellung und somit zu einer Illusion. Aber die Wirklichkeit ist keine Illusion. Sie ist in ständigem Wandel, in unablässiger Bewegung. Jedes Festhalten an einer Vorstellung reißt die Wirklichkeit in die Vergangenheit oder/und in die Zukunft, d.h. in die Nicht-Existenz, da weder Vergangenheit noch Zukunft existieren, und tötet so die Wirklichkeit, und macht sie somit zu einer Illusion.

Die Vorstellung, die gesamte Welt inkl. Ich sei eine Illusion, ist dabei besonders fatal, weil sie maximale Distanz zur Wirklichkeit bedeutet. Die Wirklichkeit und das Ich sind komplett festgeschrieben zu der Vorstellung, alles sei Illusion. Damit verliert man jeden Kontakt zur Wirklichkeit und ist in einem totalen Bild gefangen, der totalen Illusion, alles sei Illusion. Das hat natürlich den Vorteil, dass man glaubt, nicht mehr so stark berührt zu werden, und hält das dann fälschlich für Entsagung. In Wirklichkeit ist diese Vorstellung, alles sei Illusion, das zwanghafte Festhalten (Anhaften) an einem Bild, das einen davor schützt, berührt zu werden, da man das Berührt-Werden nicht mehr möchte, weil man Angst vor dem Leiden hat (Ablehnung).

Die Gegenwart – und nur da befindet sich die Wirklichkeit – ist allerdings ist genau das Gegenteil. Es ist unablässiges Berührt-Werden, totale Wirklichkeit. Das Sein ist Berührung. Wahrnehmung ist Berührung. Wenn alle Vorstellungen und Bilder von dem, was die Wirklichkeit, die Dinge und das Ich sind, wegfallen, dann fällt auch die Vorstellung weg, alles sei Illusion. Allerdings erscheint aus dieser desillusionierten, Illusions- und vorstellungsfreien Position heraus alles, was man zuvor glaubte, als Illusion, und das zu Recht!

Menschen die glauben, die Welt sei nichts als Illusion, schützen sich oft davor, berührt zu werden (Ich spreche aus Erfahrung). Sie werden zu unbeteiligten Beobachtern einer traumartigen Wirklichkeit. Diese Erkenntnis ist keine Erkenntnis sondern eine Erkrankung (siehe Derealisation). Das Ziel im Buddhismus ist meinem Verständnis nach aber das Gegenteil. Es geht um die Erkenntnis, dass wir maximal berührt, betroffen und beteiligt sind, da wir aus dem bestehen, was wir beobachten, ja, dass es keinen Unterschied gibt zwischen dem Beobachter und dem, was der beobachtet. Es geht um die Erkenntnis, das es nichts gibt, das sich nicht ständig und in Abhängigkeit von allem anderen wandelt, so dass jedes Festhalten-Wollen, das Festgehaltene sofort zu einer toten Vorstellung erstarren lässt – entweder als Anhaftung oder Ablehnung – die mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat und tatsächlich Illusion ist.

Durch die Erkenntnis, dass wir von der Wirklichkeit unablässig berührt werden und diese Wirklichkeit sind, erwächst ein immer stärkeres Mitgefühl mit andern, eine echte Betroffenheit, in der man erkennt, dass die Wirklichkeit einen tatsächlich und total betrifft, und das fremde Leiden immer auch das eigene Leiden ist. Es ist eine radikale und totale Wirklichkeit, von der man sich in keiner Weise lösen kann, weil man selbst diese Wirklichkeit ist. Daraus resultiert auch ein universelles Gefühl von Verantwortung für die Wirklichkeit. Es ist das völlige Gegenteil zu der Vorstellung, alles sei Illusion.

Zweifel

Lange habe ich überlegt, was mich eigentlich bei religiösen (oder antireligiösen oder wissenschaftlichen oder antiwissenschaftlichen, etc…) Systemen, die immer eine Antwort haben, so sehr stört. Nun glaube ich, einen Teil der Antwort gefunden zu haben. Es ist die Suggestion, dass es eine Lösung gibt, es ist die Suggestion, dass es eine Erklärung gibt.

Schön, dass der Buddha (zumindest im Theravada) das gar nicht erst versucht hat… Schweigen, wenn es keine überzeugende Antwort gibt. Keinen Nebel verbreiten, der dann zu glauben ist, wenn es eigentlich ans Zweifeln gehen sollte.

Mir persönlich ist der „große Zweifel“, so heißt das im Zen, mehr wert als alle Rituale, Gottesdienste, Wunschgebete, Pfade, ätherischen Buddhas, Bodhisattvas, Götter und der ganze märchenhafte Ausdruck verzweifelter Kreativität, Ohnmacht und Machtlust, dem man immer wieder in allen Kulturen begegnet. Der „große Zweifel“ geht weit tiefer als all diese vielen, hilflosen Versuche, etwas zu kontrollieren, dessen Eigenschaft es ist, nicht kontrollierbar zu sein: Jetzt.

Es gibt schlicht keinen Ausweg – das ist der Ausweg. Es gibt keinen Grund zur Hoffnung – das ist die Hoffnung. Es gibt auch nichts, das „fest“ wäre, weder Dinge noch Erkenntnisse – und selbst das – diese Behauptung – ist noch flüchtiger als der gegenwärtige Moment. Ein zielführender, erlösender Weg: Erlösung von der Hoffnung mit dem Ziel des Hier und Jetzt.

Darum ist es gut, wenn sich jeder in diese Leere hinein das Boot baut, das ihn mit seinen Erwartungen, Befürchtungen und Anlagen am besten auf die andere Seite bringt. Da mag der eine dem anderen mit Rat und Tat zu Seite stehen, wie er es vermag. Und solche die schon drüben waren, oder keine Boote mehr brauchen, weil sie über das Wasser gehen können oder im Sitzen fliegen, können die Angst nehmen vor dem großen Schritt ins Ungewisse.

Ungünstig allerdings, wenn manche sich hier, wo wir alle noch anwesend sind und sein müssen, statt der Boote Hütten, Zollstationen, Paläste, Gefängnisse oder Klöster bauen, und nurmehr spekulieren, was die Beschaffenheit der anderen Seite sein mag und was nicht.

Schlecht ist, wenn dann noch behauptet wird, nur mit einem besonderen, schwer zu erlangenden und zudem besonders kostbaren Boot, welches obendrein nur ein besonders weiser Bootsbauer vertreibe, könne an ein Übersetzen auf die andere Seite überhaupt gedacht werden – alles andere führe zu Schande, Schmach und Untergang.

Ungut auch, wenn man jene, die auf die andere Seite wollen, derart entmutigt, indem man ihnen sagt, sie würden selbst unter Führung Jahrzehnte, wenn nicht noch weitaus länger benötigen, um überhaupt dem Fluss nahe zu kommen, dass sie lieber – nun unselbstständig und der Führung wirklich bedürftig – diejenigen beginnen zu bewundern und unterstützen, die solche Behauptungen und Verwirrungen erst aufstellen, anstatt sich mutig alleine weiter auf die Reise zu machen – denn man kann ohnehin nur alleine reisen. (Lektüre hierzu: Das Schloss von Franz Kafka)

Besonders übel, wenn man jene, die reisen wollen oder dies zumindest einmal wollten, dann obendrein noch fügsam und gehorsam macht mit Angst vor Strafen und Höllen und schlechten Existenzen, dass sie um so mehr das Vertrauen in den Zweifel verlieren, und es durch das zweifelhafte Vertrauen in solche Einflüsterer und Führer ersetzen, die diese Ängste erst schüren.

Da ist mir der Zweifel lieber, der die machthungrigen Erzählungen, Legenden, Lehren und Theorien über Wirklichkeit und Wahrheit sorgsam zersetzt und verdaut und nichts übrig lässt als Wirklichkeit.

Es ist merkwürdig einfach und still um die, denen ich einen Blick auf die andere Seite, in die Wirklichkeit tatsächlich zutraue. Kein Gezeter, kein Machtkalkül dafür viel Schweigen, viel Güte und wenig Nebel. Bankei Eitaku ist für mich einer dieser Menschen gewesen, schon lange tot, das ist sehr, sehr schade. Es ist aber schön seiner Stimme zu lauschen, die über seine Texte bis heute zu uns dringt.

Bei diesem Gerangel um die Märkte der Esoterik-Industrie gehen diese leisen Leute heutzutage leicht unter, fürchte ich. Auf die lauten lohnt es sich aber kaum zu hören. Viel zu zweifelsfrei und festgemauert sind da die Dinge und Gedanken, damit sich Zuflucht-Suchende voller Hoffnung daran klammern können.

Mit Speck fängt man Mäuse.

Im Wald

Immer wieder während der Meditation denke ich an die und kühlen, hohen Räume von gotischen Kathedralen. Kathedralen haben sicher nicht grundlos die Erscheinung großer, alter Wälder. Die schlanken Säulen schnellen mit beinahe fiebernd Bewegung in die Höhe, verlieren sich aber weit oben im ernsten Dämmerlicht der Deckengewölbe.  Meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch hat es mich immer wieder an diese Orte gezogen – bis heute. Es riecht nach erkaltetem Weihrauch, feuchtem Stein und dem Holz von alten Kirchenbänken. Im Frühjahr, wenn der Sturm tiefe Klänge vibrierend zwischen die Säulen hindurch treibt, und an den nur angelehnten Kirchentüren rüttelt, malt das immer wieder zwischen den schnell ziehenden Wolken hervorbrechende noch kalte Licht der Sonne die farbig glühenden Muster der Fenster auf die staubigen Bodenplatten und altersdunklen Mosaiken. Der Lärm der Stadt klingt dumpf und fern, als erinnere man sich seiner nur undeutlich. Die Kirchen meiner Vorstellung sind fast immer leer. Die wenigen Geräusche erzeugen eine Stille die weit leiser sein kann als die reine Abwesenheit von Tönen, manchmal aber auch laut, beinahe dröhnend wie massives Schweigen. Vielleicht sammelt ein alter Küster schlurfenden Schrittes die abgebrannten Opferkerzen von den Altären in den Seitenschiffen und leert das wenige Geld aus dem Opferstock. Kurz fließt mit seiner Anwesenheit die Zeit wieder in gewohnheitsmäßiger Geschwindigkeit. Das, was einmal den Namen Gott hatte, scheint zwischen diesen Mauern langsam zu einer diffusen Ahnung zu erkalten, und damit alle Kraft, die einmal mit diesem Namen in Verbindung stand. Es ist eine namenlose Ahnung geworden, welche die Benennbarkeit selbst durch Leugnung verloren hat. Dennoch habe ich hier zum ersten Mal in meinem Leben das völlige Verstummen meiner Gedanken zu Gunsten einer beinahe gewaltsamen Gegenwart dessen erlebt, was sich leicht wie Licht und zugleich mit der lawinenartigen Schwere endgültiger Zwangsläufigkeit von Jetzt zu Jetzt wälzt. In Ermangelung eines besseren Wortes nannte und nenne ich diesen Zustand Glück, kühlend wie ein Frühlingswind, wenn man aus der Enge einer winterlich überhitzen Wohnung ins Freie tritt und atmet, als könne man die Luft trinken, und mit der Luft Wildheit und Weite. Auf diese Weise hat die Ahnung nichts von ihrer Kraft eingebüßt, im Gegenteil, vielleicht hat die Befreiung von allen Namen ihr erst diese ursprüngliche Kraft zurückgegeben.

Dinge 2

„Im unmittelbaren Erleben fällt Bewusstseinsinhalt und materieller Gegenstand zusammen. Es ist unmöglich und unnötig, zwischen beiden zu trennen.“

Bertrand Russell

Diesen Satz muss man sich mal lange auf der Zunge zergehen lassen.

Vielleicht noch etwas genauer und vom selben Autor:

Sowohl die Materialisten als auch die Idealisten haben sich, unbewusst und ungeachtet ausdrücklicher Ableugnungen, mit ihrem Vorstellungsbild von der Materie einer Verwechslung schuldig gemacht. Sie dachten, dass ihre Wahrnehmungsinhalte, wenn sie sehen oder tasten, die Materie der Außenwelt darstellt, während doch in Wirklichkeit diese Wahrnehmungsinhalte Bestandteile der Materie des wahrnehmenden Gehirns sind. Man kann aus der Untersuchung unserer Wahrnehmungsinhalte – so habe ich behauptet – auf gewisse formale, mathematische Eigenschaften der äußeren Materie schließen; dieser Schluss ist ist allerdings weder streng noch sicher. Andererseits erhalten wir aber durch die Untersuchung unserer Wahrnehmungsinhalte ein Wissen über die Materie unserer Gehirne, das nicht rein formal ist. Freilich ist dieses Wissen Stückwerk; aber soweit es reicht, hat es Vorzüge, die diejenigen des physikalischen Wissens übertreffen. (…) Die Wahrnehmungsinhalte sind die einzigen Bestandteile der physischen Welt, die wir anders als in abstrakter Weise kennen. Was die Welt im allgemeinen betrifft, sowohl die physische als geistige, so ist alles, was wir von ihrer innerlichen Beschaffenheit wissen, von der psychischen Seite abgeleitet, und fast alles, was wir über ihre Kausalgesetze wissen, von der physischen Seite. Aber, vom philosophischen Standpunkt betrachtet ist die Unterscheidung zwischen Physischem und Psychischem eine oberflächliche und irreale.

Dinge

[…] Unter heiligen Dingen darf man nicht einfach jene persönliche Wesen verstehen, die Götter oder Geister genannt werden. Ein Fels, ein Baum, eine Quelle, ein Kiesel, ein Stück Holz, ein Haus, mit einem Wort, jedes Ding kann ein heiliges Wesen sein.


Émile Durkheim, Elemente des religiösen Lebens, Verlag der Weltreligionen, Berlin, 2007, S .62.

Wahrnehmen, gegeben

Auch nicht beschreibbar ist bereits Wahr genommen.

Wahrnehmung, anstrengungsloß, spontan, nicht wählbar.
Eine Komposition der Sinne
Für dich, als du, durch dich, hindurch. Ohne Ort und Zeit.

Worte, ihre eigene Quelle ….. auf der Suche danach.
Gedanke ungehörte Form der Stille, Tanz ohne Tanzboden, Sturm ohne Bewegung.

Sehnsucht übersieht das Paradies, das es sehnend erschuf in Selbst Vergessenheit.
Vergiss dich selbst, das Paradies zu Sehen.
Leid ist Erinnerung der Sehnsucht an gesehnt Erschaffenes, dich zu vertreiben.
Auf daß du dich vergessen möchtest in Erinnerung.
Leid erlöst von Leid am Rand verzweifelter Absichten ohne Wahl.

Dem Wesen nach

Die Menschen sollen nicht so sehr daran denken, was sie tun sollen, als vielmehr bedenken, was sie sein sollen. Denke nicht, deine Heiligkeit auf ein Tun zu gründen. Gründe sie vielmehr auf ein Sein. Denn die Werke heiligen uns nicht, sondern wir sollen die Werke heiligen. Wer nicht seinem Wesen nach groß ist, aus dessen Werken wird nichts, was er auch wirken mag.

Meister Eckhart

Gut. Wer legt nach?                                                                                   Ground of Being