Gibt es Gott?

Wenn man mich fragen würde,  ob es Gott gibt, würde ich unumwunden sagen: ›Ja!‹ Warum? Weil es das Wort ›Gott‹ gibt. In der strukturalistischen Linguistik wird zwischen Signifikat und Signifikant unterschieden. Diese Begrifflichkeit geht auf den Genfer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure zurück. Saussure versteht Sprache als ein System von Zeichen. Die Beziehung zwischen dem Bezeichnenden (Signifikant, Lautbild, Zeichengestalt) und dem Bezeichneten (Signifikat) beruht auf menschlicher Konvention und Vereinbarung statt auf einer naturgegebenen Gesetzmäßigkeit.

Wenn es also den Signifikanten ›Gott‹ gibt, die Zeichengestalt, das Lautbild ›Gott‹, so gibt es auch das entsprechende Signifikat, also etwas, was dieser Begriff ›Gott‹ bezeichnet. Nun mag man einwenden, dass es nach dieser Argumentation auch den Osterhasen geben müsse oder den Weihnachtsmann. Und tatsächlich, ich glaube an die Existenz des Osterhasen!

Der Begriff ›Osterhase‹ ist wie auch der Begriff ›Gott‹ ein Signifikant, ein Bezeichnendes, bei dem sich nun die Frage stellt, was es bezeichnet, also die Frage nachdem Signifikaten des Begriffs. Die Frage, ob es den Osterhasen gibt oder nicht, lässt sich auf mindestens zweierlei Weise stellen:

1. Gibt es einen Hasen, der Eier anmalt, sie in einer Kiepe transportiert und für die Kinder im Garten versteckt?

Diese Frage muss man aller Wahrscheinlichkeit nach mit ›nein‹ beantworten.

2. Gibt es etwas, auf das der Begriff und das Bild des Osterhasen verweist?

Diese Frage kann man ohne weiteres mit ›ja‹ beantworten.

Der Hase gilt aufgrund seiner beachtlichen Fortpflanzungskraft als Symbol für die Promiskuität der wiederkehrenden Natur im Frühling nach den langen Monaten des Winters. Ebenso gilt das Ei in der christlichen Ikonographie als Symbol der Auferstehung Christi. Auf Ostereiern wurde früher immer wieder das sogenannte Dreihasenbild (Abb. 1) abgebildet, das drei Hasen zeigt, die zusammen nur drei Ohren haben. Die Ohren werden allerdings so dargestellt, das ein jedes Ohr doppelt verwendet wird und so doch alle drei Hasen zwei Ohren haben. Dieses Bild wurde früher in der Forschung als Symbol für die Dreieinigkeit Gottes gedeutet. Heute spricht hingegen vieles dafür, dass es sich eher um lunares oder solares handelt und / oder um eine Darstellung der zyklischen Bewegung des Mondes. Wie dem auch sei, nimmt man all diese Begriffe einmal zusammen: Hase, Frühling, Ei, Wiederkehr des Lichts, Auferstehung Jesu, Fruchtbarkeit, Mondphasen, etc. so erscheint ein assoziatives Begriffsfeld, das jahreszeitliche Gegebenheiten, deren Bedeutung für den Menschen, unterschiedliche Beobachtungen in Bezug darauf und diverse kulturelle Verknüpfungen in sich vereint. Und damit finden wir ein mögliches Signifikat des Signifikanten ›Osterhase‹. Die Frage, ob es den Osterhasen gibt oder nicht, lässt sich also in sofern mit ›ja‹ beantworten, indem man sagt, es gibt einen Erfahrungskomplex innerhalb des Menschseins, der zu einer bestimmten Jahreszeit in einem bestimmten Kontext in der Figur des Osterhasen seinen Ausdruck findet.

Dreihasenfenster
Abb. 1: Das Dreihasenfenster im Paderborner Dom

Ich möchte noch einen Augenblick zu der ersten Form der Fragestellung nach der Existenz des Osterhasen zurückkehren. Gibt es den Osterhasen wirklich? Gibt es einen Hasen, der Eier anmalt und für die Kinder im Garten versteckt? Ich würde sagen: ja, es gibt ihn, und er besitzt auch bis zu einem gewissen Grade Wirklichkeit. Es gibt ihn, weil im kulturellen Bewusstsein einer Gruppe von Menschen dieses Bild aufgetaucht ist, es besitzt Wirklichkeit in dem Maße, in dem es in der Lage ist, etwas zu bewirken. Ich löse mich hier also etwas von der Auffassung, nach der Wirklichkeit die Phantasie oder den Traum zum Gegensatz hat. Das aus dem kollektiven Bewusstsein des mittelalterlichen Menschen hervorgegangene Bild des Osterhasen gehört der Sphäre des Märchenhaften und Symbolischen an, der eine gewisse psychologische Wirksamkeit zukommt und die so zu unserer Wirklichkeit gehört.

Was für den Osterhasen gilt, sollte mindestens ebenso auch für ›Gott‹ gelten, so dass man also folgende Fragen formulieren kann:

1. Gibt es ein Erfahrungs- und Begriffsfeld, also ein Signifikat, auf das der Signifikant ›Gott‹ referiert?

2. Was ist es, das durch die Bezeichnung ›Gott‹ bezeichnet wird?

3. Offensichtlich kommt dem, was hinter dem Begriff ›Gott‹ steckt, eine gewisse kulturelle, soziale und psychologische Wirksamkeit zu und so auch eine gewisse Wirklichkeit. Kann man von diesen Wirkungen möglicherweise auf die Beschaffenheit der Ursache dieser Wirkungen schließen?

Ich möchte diese Fragen hier nicht beantworten, kann es auch gar nicht, da dies dien Rahmen dieses kleinen Ausfluges bei weiten sprechen würde.